Wie gefährlich ist die Heizungsanlage neben der Grund- und Gemeinschaftsschule (874 Schüler) in Lensahn für die Menschen in der direkten Umgebung? Diese Frage stellt sich nach der neuesten Diskussion zu diesem Thema in der Gemeinde. Die LN befragten Dr. Hermann Kruse vom Institut für Experimentelle Toxikologie der Uni Kiel zu den gesundheitlichen Risiken. „Das ist ein hochbrisanter Standort für eine solche Anlage, die Holzhackschnitzel als Brennstoff verwendet. Man muss den Emissionswert unbedingt kennen, um Rückschlüsse auf die gesundheitlichen Risiken ziehen zu können. Ist der zu hoch, muss man dringend überprüfen, was beim Menschen direkt ankommt.“ In diesem Fall spreche man vom Immissionswert. Der solle 40 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten, andernfalls drohten gefährliche Erkrankungen. Laut Kruse können Atemwegs-, Lungen- bis hin zu Herzkreislauf- und Krebserkrankungen auftreten.
Der Leitende Verwaltungsbeamte Lensahns, Dieter von Bühren, reagierte gestern geschockt auf diese Einschätzung: „Wir wussten nicht um die theoretischen Gefahren, haben diese Emissionsmessung daher auch nicht vorgenommen. Dafür müssen wir uns ausdrücklich bei den Anwohnern entschuldigen. Natürlich werden wir noch heute den Auftrag geben, diese Messung vorzunehmen. Wir wollen jedes Risiko für die Schüler, Kindergartenkinder und die Anwohner ausschließen. Wir hoffen, dass die Werte im akzeptablen Bereich liegen und niemand vorgeschädigt wurde.“
Wie aber kam es überhaupt zur jüngsten Diskussion? Bei der Gemeindevertretersitzung vor wenigen Tagen hatten Anwohner erneut moniert, das auch nach der Sanierung der Anlage im Sommer 2011 (Schornstein-Erhöhung, neue Isolierung, Luftdruckerhöhung) immer noch ab und zu eine große Rauchentwicklung auftrete und Rußpartikel auf die Grundstücke rieselten – und damit auch auf die zur Schule führende Jahnstraße. Grundsätzlich ist das Thema schon länger bekannt. Seit Oktober 2010 wurden immer wieder Beschwerden im Rathaus eingereicht. Sogar eine Unterschriftensammlung aus der Nachbarschaft hatte es gegeben, woraufhin die Gemeinde ein Tüv-Gutachten erstellen ließ und die Anlage tatsächlich auch modifiziert wurde. Auch nach der Modernisierung gebe es aber eine sichtbare Rauchentwicklung, betont Briefzusteller Daniel Doose. „Ich bin täglich hier. Und je nach Windlage stehen die Häuser hier im Rauch.“ An der Schule nebenan habe man nichts bemerkt, bekräftigt Schuldirektor Bernd Ziemens: „Es gab auch keine Eltern- oder Schülerbeschwerden.“ Toxikologe Dr. Hermann Kruse erklärt allerdings: „Gefährlich ist nicht der sichtbare Grobstaub, sondern der Feinststaub, der mit dem menschlichen Auge nicht erkennbar ist.“
Hätte die Anlage (Herstellungskosten 770 000 Euro) denn überhaupt bewilligt werden dürfen? Dazu von Bühren: „Das Bundes-Emissionsgesetz sieht erst ein komplexes Testverfahren vor, wenn sie eine Leistung von mehr als 1000 Kilowatt hat. Wir haben aber nur 640. Im Übrigen steht die gleiche Anlage in Malente neben einer Rehaklinik.“ So fällt die Anlage der Energiebetriebe des Amtes Lensahn ins Aufgabengebiet des Schornsteinfegers, der aber keine Emissionsmessungen vornehmen kann. Bürgermeister Klaus Winter (SPD) wies immer wieder auf das positive Tüv-Gutachten hin, betonte, die Anlage funktioniere technisch einwandfrei. Diese Aussage bestätigt Diplom-Umweltwissenschaftler Tom Litschke vom Tüv: „Lensahn hat die rechtlichen Vorgaben voll erfüllt. Doch bei einer solchen Anlage sollten Rauch-Belästigungen nicht vorkommen, wenn sie fehlerfrei betrieben wird. Geschieht dies doch, gilt es im Einzelfall, alle Risiken auszuschließen.“
Was jetzt auch geschieht. Grundsätzlich sei die Idee, auf erneuerbare Energien aus der Region zu setzen, eine positive. Neben der Grund- und Gemeinschaftsschule hängen auch das Haus der Begegnung, das Waldschwimmbad, die Großsporthalle, die Fachschule für Sozialpädagogik sowie 80 private Haushalte an der Anlage, sie beziehen über sie Wärme. 2010 lobte die Jury der Energie-Olympiade Lensahn sogar als ein „Modellprojekt mit Vorbildcharakter“.
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