Darin fragt sich jemand, ob er schon die ersten Blüten sieht, oder ob ein Trugbild aus Eis falsche Hoffnungen weckt. Am gestrigen Sonnentag dürfte es vielen Schleswig-Holsteinern ähnlich ergangen sein. Zwar musste morgens wieder einmal Eis von den Autos gekratzt werden, im Laufe des Tages machten sich jedoch bei strahlendem Sonnenschein die milderen Temperaturen bemerkbar.
„Jetzt muss der Winter erst einmal zurücktreten“, sagt auch Frank Böttcher vom Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation. In dieser Woche soll das Thermometer bis auf elf Grad am Freitag klettern, nachts bleibt es wohl komplett frostfrei. Dazu erwartet der Wetterexperte viel Wind. Milde Temperaturen und stürmische Böen – ist das schon der Frühlingsanfang?
Bei der Spurensuche ist ein gutes Auge vonnöten: Die Eisdecke auf dem Boden ist verschwunden, und zwischen den Blätterresten des Vorjahres mühen sich die ersten Blumen aus der Erde. Sarah (11) und Laura Warschkow (9) aus Bad Segeberg finden ein paar Schneeglöckchen, die sich eng zusammengedrängt an die Oberfläche gewagt haben – wenn das keine Frühlingsboten sind! Sarah und Laura sind einhellig der Meinung, dass der Winter vorbei ist.
Wie die beiden Mädchen lockt das Wetter viele Menschen aus den Häusern und – zum Beispiel in Scharbeutz – an die Strandpromenade. Christian Maars (27) und Hassana Elrissi (32) haben für heute einen Tag Urlaub genommen und genießen ein Sonnenbad am Seebrückenvorplatz. „Die Sonne tut richtig gut“, sagt Christian, „wir wollten heute mal raus aus dem Alltag und ein bisschen die Seele baumeln lassen.“ Die beiden sind warm angezogen – nach dem wochenlangen Frost scheint der Umschwung wie eine Verheißung, der man nicht recht trauen will. Das gilt nicht für Bryan Nebel (25), der die Gäste auf der Terrasse des Café Wichtig nebenan im T-Shirt bedient. Vielleicht erging es ihm beim Anziehen wie der Person im Gedicht: Die Frage, ob Winterreif oder Schlehenblüten am Wegrand zu sehen sind, wird schließlich an das „Gemüte“ gestellt, wo Emotionen und Sinnlichkeit sitzen und die Vorfreude auf den Frühling lauert. Sechs Grad kalt ist die Luft an diesem Montag, doch unter den Heizstrahlern der Terrasse ist es deutlich wärmer. So macht Bryan der Außendienst nichts aus, auch viele Gäste zieht es nach draußen. „Vorhin war es brechend voll“, sagt er, „wie an einem Sonntag“.
Doch der Winter sollte nicht zu früh verabschiedet werden, wie Wetterexperte Frank Böttcher sagt: „Am kommenden Freitag erreichen die Temperaturen erstmal die Obergrenze, wie es danach weitergeht, wissen wir nicht.“ Im Moment sei die Situation aber ähnlich wie bereits Ende Januar, „und im Februar kam dann ja die massive Kälte“.
Zumindest die Person in Paul Heyses Gedicht muss wohl noch etwas auf den Frühling warten: Die Schlehe blüht meist erst im März oder April, und dann folgen – einer Bauernregel zufolge – noch einmal zwei Wochen Kälte, so schön und warm das Wetter vorher auch gewesen sein mag.
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