Grischa Pogosian geht es gar nicht gut. Der 53-jährige Armenier liegt mit einer fünffach gebrochenen Wirbelsäule, gebrochenem Arm und Fuß und einer zertrümmerten Ferse in der Eutiner Sana-Klinik. Heute wird er zum zweiten Mal operiert. Pogosian hat sich seine schweren Verletzungen bei einem Sprung aus dem Fenster zugezogen – aus Angst vor der Polizei und vor einer Abschiebung.
Morgens um halb sechs in Eutin: Eine Handvoll Kriminalbeamter in Zivil klingelt an einer Wohnungstür in dem Mehrfamilienhaus. Die Beamten wollen einen Durchsuchungsbeschluss gegen Varuschan G. (21), den Ziehsohn von Grischa Pogosian, vollstrecken. Ihm wird nach dessen eigenen Angaben „Kreditkartenbetrug oder so“ vorgeworfen. Der Besuch der Beamten endet mit einem Notarzteinsatz. Die Ursachen sind noch nicht ganz geklärt: Vermutlich ist es Angst vor der Polizei, vor Abschiebung oder auch eine aus einem Kriegstrauma entstandene Panikattacke, die Grischa Pogosian veranlasst, aus einem Fenster im ersten Stock zu springen. Er verletzt sich schwer. Seine Ehefrau Smrukt wird von dem Sprung ihres Mannes völlig überrascht, kann ihn nicht aufhalten. „Sie hat nur ein Knallen gehört und einen Schrei, dann hat sie auch geschrien“, übersetzt Varuschan G. den Bericht seiner Ziehmutter. „Er hatte Panik“, sagt die Ehefrau weiter über ihren Mann.
Eine Panik, die offenbar aus mehreren Quellen gespeist wird. Nach Angaben der Familie ist da zum einen die Angst vor Abschiebung. Zwar haben die Pogosians – Armenier aus Bergkarabach mit aserbaidschanischem Pass – eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen, doch die wird nur immer wieder neu für jeweils sechs Monate erteilt. „Unsere Nachbarin ist vor zwei Jahren abgeschoben worden, da kamen die auch mit so vielen Polizisten“, begründet Varuschan G., woher die Angst seines Ziehvaters vor Abschiebung komme. Zudem habe der in Bergkarabach schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht. „Das ist dort normal.“ Und schließlich leide Grischa Pogosian unter einem Kriegstrauma, da er 1992 im Unabhängigkeitskampf von Bergkarabach gekämpft habe.
„Weniger kann man von uns aus nicht machen“, erklärt Polizeisprecher Torsten Baar das Vorgehen der Beamten in Eutin. Die Durchsuchungsaktion habe nicht Pogosian, sondern einem Familienmitglied gegolten. Als die Ermittler klingelten, habe ihnen Grischa Pogosian die Tür geöffnet. Ihm sei erklärt worden, dass sich die Aktion nicht gegen ihn richte und dass die Beamten seine Räume nicht durchsuchen würden. „Er ging ganz normal zurück in sein Schlafzimmer, wo seine Ehefrau war. Die hat plötzlich geschrien, weil er gesprungen ist“, berichtet Baar über den weiteren Ablauf der Ereignisse. Der Mann habe offenbar Angstzustände, wenn er auf Polizisten treffe, möglicherweise wegen schlechter Erfahrungen in seinem Heimatland. „Die Ehefrau hatte keine Chance, ihn zurückzuhalten“, so Baar weiter. Sie habe das Vorhaben ihres Mannes weder erkennen noch verhindern können und mache den Beamten keine Vorwürfe.
Smrukt Pogosian hat jetzt auch ganz andere Sorgen. Auf die erste, siebenstündige Operation ihres Mannes folgt heute eine zweite. Ob Grischa Pogosian je wieder wird laufen können und ob die Familie aufgrund der möglichen Folgen seiner Verletzungen in ihrer Wohnung bleiben kann, ist zurzeit noch völlig unklar.
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