Arbeiten – das wäre eine feine Sache, da träfe man wieder Kollegen, bekäme ein wenig Anerkennung. Aber bis vor kurzem war Mona wegen schwerer Depressionen nicht einmal in der Lage, morgens das Bett zu verlassen. Gut, die neuen Tabletten wirken jetzt; aber welcher Arbeitgeber will die 46-Jährige bei diesem Lebenslauf beschäftigen?
Arbeit – ja, das wäre auch etwas für Jürgen (28). Seit seiner Jugend hängt er an der Flasche, ganz so wie am Beispiel der Eltern erlernt. Nun ist er Dank der Ambulanten Suchthilfe soweit, dass er seit vier Wochen keinen Tropfen mehr getrunken hat. Arbeit . . . ja, gern: Zur selben Zeit aufstehen, regelmäßig, der Tag bekäme auf einmal Struktur. Wer aber soll Jürgen einstellen?
Für alle diese Menschen, gleich ob psychisch erkrankt oder süchtig nach Alkohol oder Drogen, gibt es nun Hoffnung. „12 plus 2“ heißt das Projekt, das in den Sozialkaufhäusern von Bad Segeberg (18 Plätze) und Bad Bramstedt (9) den scheinbar Hoffnungslosen eine Chance bietet, unter fachkundiger Betreuung wieder an die Arbeitswelt herangeführt zu werden.
„Multiple Vermittlungshemmnisse“ – so hieß es verwaltungspolitisch korrekt in Berichtsbögen über Menschen wie in unseren Beispielfällen. Dass die „neuen“ Jobvermittler um Michael Knapp, Geschäftsführer des Jobcenters Segeberg, eben nicht so denken, sondern versuchen, den ganzen Menschen zu sehen, das hilft nun allen Projektteilnehmern. „Nur eine Organisation ist da überfordert“, sagt Knapp. Alle wirken deshalb zusammen: Das Jobcenter, das mit geeigneten Kandidaten spricht und sie dann vorschlägt. Der Landesverein, der sich mit seiner Ambulanten und Teilstationären Psychiatrie (ATP) und Suchthilfe (ATS) seit langem um diese Klientel kümmert sowie die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Ostholstein (BQOH) und die Diakonie Altholstein, die Betreiber der beiden Sozialkaufhäuser. „Das Sozialkaufhaus“, so BQOH-Geschäftsführer Bernd Heinemann, „ist ideal dafür, das Leben dieser Menschen wieder in einen normalen Kontext zu stellen.“ In allen Sparten, vom Verkauf über das Handwerk bis hin zu Büro, Hauswirtschaft sowie Garten- und Landschaftspflege könnten die neuen freiwilligen Mitarbeiter eingesetzt werden, sagt Marion Borsch, die für den neuen Betreiber BQOH das Bad Segeberger Sozialkaufhaus leitet. „Die Leistungsfähigkeit ist nun einmal unterschiedlich. Bei manchen reicht sie nur für zwei Stunden Arbeit am Tag“, sagt Jutta Altenhöner, Vorsitzende des Sozialausschusses im Kreistag, die dieses Modell aus dem Kreis Plön kannte, und die auf die Idee kam, neben Sucht- auch die psychisch Kranken einzubeziehen. „Die ersten Teilnehmer, die sich das Kleinunternehmen Sozialkaufhaus nur ansehen sollten, wollten gleich dableiben und losarbeiten“, hat Christine Hertwig von der Diakonie beobachtet. „Sie sehen auch gleich, dass hier sinnvoll gearbeitet wird und nicht wie bei früheren ABM-Projekten: morgens aufbauen, abends einreißen.“
Markus Straube, bei der ATP des Landesvereins für 370 psychisch ganz unterschiedlich Erkrankte im ganzen Kreis zuständig, sieht in den Bestimmungen nach den Sozialgesetzbüchern auch Lücken und Schwächen: „Deshalb heißt das Projekt 12 plus 2: Die Wirklichkeit muss zwischen diesen beiden Sozialgesetzbüchern gestaltet werden.“
Finanziert wird die in diesen Tagen begonnene Qualifizierungsmaßnahme zu zwei Dritteln aus Mitteln der Eingliederungshilfe des Kreises Segeberg und zu einem Drittel aus Mitteln des Jobcenters. Landrätin Jutta Hartwieg sagt: „Hier werden die Mittel koordiniert und sinnvoll eingesetzt. Die Sozialgesetzbücher bilden unsere Wirklichkeit nicht mehr ab.“
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