Der Spitzenkandidat der schleswig-holsteinischen Grünen suchte gestern die persönliche Nähe zu potentiellen Wählern in Stormarn. Zuerst bei der Oldesloer Tafel. Ein eiskaltes Unterfangen.
Es ist so kalt, dass die Salatgurken im Mülleimer eines Supermarktes an der Ratzeburger Straße zu grünen Eisblöcken erstarrt sind. „Ich zeig dir mal was“, sagt Habeck zu seinem Begleiter und klappt den Deckel eines Mülleimers hoch. „Eine Schande, was alles weggeworfen werden muss.“
Von Flensburg ist er gekommen an diesem Morgen. Im Landtags-BMW. Er will die gerade noch haltbaren Lebensmittel für Bedürftige mit einsammeln. Er will genau das tun, was Karl-Heinz Bahr und die anderen etwa 30 Helfer jeden Morgen tun, wenn sie die Supermärkte abklappern und Verwertbares für die Armen einsammeln.
Raus aus dem Lieferwagen, ein paar Kisten geschnappt und rauf auf die Ladefläche des Kleinlasters. Niemand hält es lange aus im Freien an diesem Morgen. Habeck, der promovierte Germanist, Philosoph und Schriftsteller weiß, dass er keine wirkliche Hilfe für die anderen Ehrenamtler sein kann. Dazu ist sein Besuch zu kurz und der Terminkalender zu lang.
„Ich will mir einen Eindruck verschaffen“, begründet der Kandidat sein Engagement. Am Ende spricht er davon, wie ihn die Menge der noch genießbaren aber nicht mehr in die Regale gelangenden Lebensmittel verstöre. Er spricht von Verschwendung und zollt den Helfern der Tafel dickes Lob. „Es ist toll, was Sie hier machen.“
Gegen die Kälte schützt eine Mütze mit Ohrenklappen, ein Pullover, wie ihn Seeleute gern tragen, und eine Art Lodenjoppe. Fast entschuldigend sagt er, dass dieser Termin keine andere Kleidung zulasse. Robert Habeck kommt unprätentiös daher. Vielleicht ist es das, was ihn so schnell in der grünen Partei hat aufsteigen lassen.
Erst 2002 wurde er Mitglied, war dann bis ’04 Kreisvorsitzender in Schleswig-Flensburg und gehört seither zur Parteispitze. 2009 wurde er Fraktionsvorsitzender im Landtag. Doch eigentlich hatte der 42-jährige nie vor, „Berufspolitiker zu werden“. Er sieht diese Tätigkeit als „Job auf Zeit“. Und er könne sich vorstellen, wieder als Schriftsteller zu arbeiten. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er den Roman „Hauke Haiens Tod“ geschrieben. „Schimmelreiter modern“, beschreibt Habeck das Werk in kurzen Worten. „Gewissermaßen der Schimmelreiter reloaded“. Und dann ruft sein Büro an. Immer wieder klingelt der Blackberry, ein Gerät, mit dem er telefonieren und E-Mails abrufen kann. Einmal will Anja, seine Referentin, etwas wissen, und Claudia, die Pressesprecherin, möchte erfahren, wo er als nächstes hinwolle. „Zur Bäckerei in der Innenstadt von Oldesloe“, sagt Habeck.
Dort hat Wahlkampfhelfer Hartmut Jokisch ein Interview mit Schülern der Theodor-Mommsen-Schule organisiert. Einer filmt den Kandidaten. Katharina, Marcel und Eric, 16- und 17-jährige Gymnasiasten, stellen eine lange Liste von Fragen. Nach Wahlkampfthemen fragen sie, nach Schulpolitik, nach Fehmarnbelt-Anbindung, nach Haushaltspolitik – und nach angestrebten Ministerposten. Habeck, selber Vater von drei Kindern, bietet den Schülern viel Stoff für ihre Dokumentation. Er spricht ihre Sprache. Er lässt sich über den Koalitionswillen mit den Sozialdemokraten aus. Die seien zwar „eine befreundete Partei. Aber sie haben ein teures Programm. Und das geht auf eure Kosten“, belehrt er die Schüler. Und dass er die SPD nach der Landtagswahl nicht einfach in eine Große Koalition mit den Christdemokraten entlassen wolle.
„Wir reden“, sagt Habeck, „mit den roten und mit den schwarzen Elefanten.“ Da schwingt eine Befürchtung mit, dass die nächste Regierung ohne grüne Beteiligung zustande kommen könnte. „Wenn nur zwei Elefanten miteinander reden, ist der Urwald bald zertrampelt.“ Mit einer Prognose zum eigenen Wahlergebnis hält sich Habeck zunächst zurück. Er rechne damit, „dass alle an die Piraten verlieren. Auch die Grünen“. Und dann wagt er doch eine Einschätzung: „15 bis 16 Prozent für uns wären schon ein Spitzenergebnis.“
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