Ahrensburg – Ein Iraner muss sich seit gestern vor dem Lübecker Landgericht wegen versuchten Totschlages verantworten. Mit einem Teppichmesser hatte er an einem Sonnabendnachmittag im Oktober vergangenen Jahres in der Ahrensburger Adolf-Straße auf seinen Nebenbuhler eingestochen.
Dass seine frühere Frau, ebenfalls Iranerin, sich von ihrem Mann gelöst hat und mit einem Deutschen ein Verhältnis unterhält, das war zu viel gewesen für den Täter. Das überstieg sein Verständnis, obwohl er selbst schon einmal eine Freundin gehabt hatte. Die Große Strafkammer muss nun klären, was den Mann Monate nach der Scheidung zu der Tat getrieben hat. War sie geplant? War sie eine Kurzschluss-Reaktion, nachdem der Ex-Ehemann seine Frau bei Penny gesehen und sie bis zur Wohnung ihres Freundes verfolgt hatte?
Deutlich sichtbar sind die Narben des 48-jährigen Opfers aus Ahrensburg. Der jetzt angeklagte Mann hatte ihn und seine Ex-Frau erst angeschrien, hatte die Frau und dann den Mann angegriffen, hatte ihm tiefe Schnitte an Hals und Ohr beigebracht. Schwerer verletzt ist wurde er wohl nur deshalb nicht, weil er eine sehr dicke Jacke getragen hat.
Doch seine Narben trägt das Opfer heute mit erstaunlicher Gelassenheit. Einmal nennt er das Geschehen sogar einen „Vorfall“. Das Wochenende nach der Tat hatte er in der Klinik verbringen müssen, ein paar Stunden sogar auf der Intensivstation. Wochenlang war der Mann krank geschrieben.
Geblieben sei aber nur das Jucken der Narben. Einer Therapie habe er sich nicht unterzogen. „Weil ich den Eindruck hatte, dass ich das nicht bräuchte.“ Nur selten schrecke er mal aus dem Schlaf hoch, wenn er an jenen Tag denkt, als die beiden Verliebten gemeinsam bei Penny einkauften und getrennt in seine Wohnung fuhren, weil da immer die Furcht war, der Angreifer könne wieder auftauchen. Ein paar Wochen zuvor hatten sie sogar ihre Beziehung unterbrochen. Doch die Liebe siegte. Freimütig berichtet der Mann davon, welche Ängste, welche Gedanken er bei dem Angriff durchlebt hat. Er habe sich wie in einem schlechten Krimi gefühlt, habe nicht glauben wollen, was ihm da widerfuhr. Um so wortkarger zeigt sich die Freundin im Zeugenstand. Mühsam entlockt ihr der Richter ein paar spärliche Informationen über das Tatgeschehen. Doch sie kann kaum zur Wahrheitsfindung beitragen, kann sich kaum erinnern, nachdem sie unmittelbar nach der Tat bei der Polizei einen seitenlangen Bericht zu Protokoll gegeben hatte. Hat sie Angst vor ihrem Ex-Mann, der da rechts neben ihr auf der Anklagebank sitzt. Oder hält sie doch noch zu ihm?
In Persien waren sie zwangsverheiratet worden. Mit Schleuserbanden gelangten zunächst er und später sie nach Europa. Erst lebte der Mann allein in Holland, 2005 folgten sie und ihre gemeinsamen Kinder dem mittlerweile nach Ahrensburg gezogenen 41-Jährigen nach. 2010 ging die Ehe in die Brüche.
„Ich bin kein Täter. Ich bin nicht ein schlechter Mann“, sagt der Angeklagte von sich selber. Einer, der im Iran zum christlichen Glauben konvertiert war, der danach Probleme dort bekam. Wortreich, in akzeptablem Deutsch, lässt er sich auf alle Fragen des Gerichtes ein. Er beschreibt seine Depression, seine Kindheit mit acht Geschwistern, die Härte des Vaters. Wie er sich in Deutschland weiterbildete. Und wie er in Ahrensburg seinen Bibelkreis pflegte.
Nur als er schildern soll, wie er das Teppichmesser aus der Fahrradtasche geholt hat, warum er es überhaupt bei sich getragen hat, kommt er in Erklärungsnot. Er habe es zuvor zum Flicken des Schlauches benutzt und dann in der Tasche gelassen, will er dem Richter weismachen. Das Verfahren wird am Freitag fortgesetzt.
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