Erst im Juli 2011 hatte der Bundestag den Weg für das ethisch umstrittene Verfahren geebnet, bei dem nach einer künstlichen Befruchtung von mehreren Embryonen der gesunde ausgewählt wird.
Kommentar: Respekt vor dem Leben
Die Lübecker Ärzte nutzten die Diagnosemethode im März vergangenen Jahres, um einem Ehepaar aus Celle zu helfen. Die Eltern der jetzt geborenen Lilli Sophie sind beide Träger einer schweren Form des Desbuquois-Syndroms. „Bei dieser genetisch bedingten Skelettanomalie sterben die Kinder meist während der Schwangerschaft“, sagt Professor Klaus Diedrich, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am UKSH. Er hat den Fall federführend begleitet und gestern das Mädchen per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. „Die Mutter hatte bereits drei Fehlgeburten hinter sich, bevor sie sich im November 2010 an uns wandte“, so Diedrich. Die 32-jährige Frau und der 34-jährige Vater sind selbst nicht erkrankt, tragen aber jeweils auf einem Chromosomen ein defektes Gen. Bei einer Schwangerschaft besteht so eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung des Kindes. Um diese auszuschließen, wurden sechs Eizellen künstlich befruchtet und am Institut für Humangenetik unter der Leitung von Professor Gabriele Gillessen-Kaesbach auf die Mutation getestet. „Drei Embryonen trugen Genmutation in sich, bei einem waren beide Chromosomen verändert und zwei waren frei von Mutationen“, erklärt Diedrich. Am fünften Tag nach der Befruchtung wurden die beiden gesunden Embryos in die Gebärmutter gesetzt.
Die Schwangerschaft verlief daraufhin völlig normal, „zum Kaiserschnitt kam es nur, weil sich das Kind in Beckenlage befand“, sagt Diedrich. Mit 3010 Gramm bei 50 Zentimetern ist das Mädchen kerngesund, auch der Mutter gehe es gut.
40 PID-Anfragen erreichten die Uni-Klinik bisher, sechs Paare befinden sich schon in Behandlung. Lübeck ist bundesweit nur einer von drei Standorten, der das Diagnoseverfahren anbietet.
Für die Mediziner ist die Geburt des Babys ein Meilenstein: „Wir sind stolz auf unsere medizinischen Experten. Die Reproduktionsmedizin ist ein Segen für alle Eltern in solch einer Situation“, sagt Professor Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH. Differenzierter sieht das Bischof Gerhard Ulrich, Vorsitzender der Nordelbischen Kirchenleitung: „Wir haben Verständnis für die Sorgen, die in diesem Einzelfall zur Anwendung der Präimplantationsdiagnostik (PID) geführt haben. Für uns Christen bleibt aber die Frage, ob es mit der Würde des Menschen vereinbar ist, von der Möglichkeit einer Krankheit her über Leben zu urteilen.“
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