Meterhohe Flammen schießen in der Nacht zum 3. September 2004 aus dem Dach der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Mehr als 50 000 Bücher werden vernichtet. Eine Tragödie, die weit über Deutschland hinaus Entsetzen auslöst - aber auch eine selten gesehene Hilfsbereitschaft.
«Mehr als 22 000 Einzelspenden gingen ein - von wenigen Euros von Privatpersonen bis zu der Fünf-Millionen-Spende der Vodafone- Stiftung», blickt Bibliotheksdirektor Michael Knoche zurück. «Insgesamt 11,6 Millionen Euro. Dies ist in der Kultur sicher einzigartig.» Solche Summen kommen sonst nur bei Naturkatastrophen mit vielen Toten und Verletzten zusammen.
Beim Brand in Weimar kam kein Mensch zu Schaden, aber ein Kulturschatz, «das literarische Gedächtnis» der Weimarer Klassik, wurde schwer verletzt. Zu den 50 000 verbrannten Büchern aus den vergangenen vier Jahrhunderten kommen weitere 62 000, die durch Feuer und Löschwasser stark beschädigt wurden. Dazu gehören zwischen 10 000 bis 20 000 «Aschebücher», die wohl kaum restauriert werden können.
Etwa 25 000 Bücher mit kleinen und auch größeren Schäden konnten nach Gefriertrocknung, Reparatur oder Restaurierung wieder in den Bestand eingeordnet werden. «Weitere 7300 Bücher konnten wir aus der Verlustliste in der Datenbank streichen, weil wir dafür punktgenau Ersatz bekommen haben», freut sich Knoche. Weitere 23 000 neue Bücher sind immerhin so ähnlich wie verlorene Exemplare.
Die Bibliothek besitzt nun knapp eine Million Werke. «Ihre Besonderheit ist das spezifische Universum, das sich hier zur Goethe- Zeit herausgebildet hat», sagt Knoche, der in der Brandnacht mit den Weimarern Bücher aus der Bibliothek rettete, darunter eine Luther- Bibel. «Das Wissen der Welt um 1800 ist hier von interessierten Köpfen zusammengetragen worden.» Dazu gehören orientalische Handschriften, theologische Kontroversen der Reformationszeit, Bücher zur Meistersängertradition des Mittelalters, Landkarten, Globen.
Fünfeinhalb Jahre nach dem Brand ist der Spendenstrom zu einem dünnen Rinnsaal geworden. «Völlig normal» kommentiert dies der Literaturwissenschaftler. Bisher sind 35 Millionen Euro für die Rekonstruktion des Buchbestandes gesichert, neben den Spenden vor allem Geld der öffentlichen Hand. Der Gesamtbedarf wird auf 67 Millionen Euro geschätzt. «Wir gehen davon aus, dass wir in 30 Jahren 70 Prozent der Verluste durch Ankauf oder Spenden ersetzen können.»
Noch immer gehen Geschenke ein: US-Professor Alan Soons spendet beispielsweise Jahr für Jahr kostbare alte Drucke. Ein Bibliothekar aus Gummersbach vermachte dem Haus auf einen Schlag 300 seltene Don- Quichotte-Ausgaben aus verschiedenen Ländern und verdoppelte damit diesen Bestand. Werke von Goethe und Schiller lehnt die zum klassischen Weltkulturerbe gehörende Bibliothek jedoch meist dankend ab. «Die haben wir zumeist selbst doppelt», sagt Knoche.
Bis 2015 soll nach Angaben von Restaurator Matthias Hageböck die Restaurierung der Bücher abgeschlossen sein. Dafür wurde extra eine Werkstatt aufgebaut, die mit einer völlig neuen Technologie die oft bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Schriften sichert. Viele sehen aus wie Briketts. Beim kleinsten Luftzug lösen sich verbrannte Teilchen ab.
Hageböck, der mit dem Aufbau der Restaurierungsabteilung vor der größten Herausforderung seines Lebens stand, spricht heute von Routinearbeiten. Bei den noch nicht gesichteten Brand-Büchern hofft der 45-Jährige auf diese oder jene kostbare Überraschung. So könnte sich in den Kisten noch ein rettbarer Atlas des Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) verbergen. «Ein solches Exemplar ist gerade bei einer Auktion für 1,5 Millionen Euro angeboten worden.»
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