Pappmaché, Plastik - und pures Gold: Wochenlang schwenkten die Fußball-Fans in den Stadien billige Duplikate des WM-Pokals, jetzt packt der Weltverband FIFA die Originaltrophäe aus.
Die begehrteste Auszeichnung des Weltsports ist 36,8 Zentimeter hoch und 6,175 Kilo schwer, 4,9 Kilo davon aus massivem 18-karätigem Gold und etwa 100 000 Euro wert. Spaniens Iker Casillas oder Hollands Giovanni van Bronckhorst, einer der beiden Kapitäne der Endspiel-Mannschaften, darf sie am Sonntagabend im Soccer-City-Stadion von Johannesburg in die Höhe recken. Und am Stadtrand von Mailand wird Signore Gazzaniga mit einem Lächeln vor dem Fernseher sitzen.
Der 89-Jährige ist der Erfinder des WM-Pokals. Die Gold- und Silberschmiede Bertoni G.D.E. Bertoni darf sich rühmen, die Wiege der Trophäe zu sein. Silvio Gazzaniga hatte sie 1971 im Auftrag des Weltverbandes FIFA entworfen, 1973 wurde sie in der italienischen Werkstatt hergestellt und bei der Auslosung für die WM 1974 in Frankfurt/Main erstmals vorgestellt.
Für den stolzen Gazzaniga ist der Cup «ein außerordentlich gelungenes und zweckbezogenes Werk. Ebenso sehe ich den Pokal als großen künstlerischen Erfolg, auch wenn er eine Bedeutung hat, die weit über die künstlerische Ebene hinausgeht», sagte er in einem Interview auf der FIFA-Homepage.
Die Weltkugel ist ein Teil der Trophäe. «Schließlich ist die Erde auch rund und somit einem Ball sehr ähnlich», erklärt der Italiener. «Die menschlichen Figuren, die aus dem Sockel entspringen, streben nach oben und tragen die Welt, die ich mir eben als Ball vorgestellt habe.» Das raue Äußere stehe für Kraft und Energie. Der Fuß enthält zwei Ringe aus dem Halbedelstein Malachit, auf der Unterseite sind die Namen und Jahreszahlen der Weltmeister seit 1974 eingraviert.
Nur elf echte Abgüsse gibt es vom WM-Pokal. Die FIFA hat das massiv goldene Original, das am 11. Juli der Weltmeister bekommt, in ihrer Zentrale in Zürich stehen. Die neun Weltmeister seit 1974 haben eine goldbeschichtete sogenannte «Winner's trophy» behalten dürfen. Eine besitzt - als einziger Privatmann - der Stuttgarter Rolf Deyhle. Der Unternehmer entwarf einst das Logo für den Weltverband und erhielt 1979 als Dankeschön für seine Verdienste den Cup. Und ein Exemplar der triumphierenden Fußballspieler, die die Weltkugel in ihren ausgestreckten Händen halten, steht nun in Südafrika bereit. «Dieser Pokal hat seine eigene Persönlichkeit. Man könnte ihn sogar als Skulptur bezeichnen», sagt Gazzaniga. Reich habe ihn die Erfindung nicht gemacht, «aber glücklich».
Die FIFA inszeniert heute den Kampf um die Trophäe wie einen Tanz ums goldene Kalb. So viel Ehrerbietung weist nicht jeder auf: Die kolumbianische Polizei hat vor ein paar Tagen einen falschen WM-Pokal abgefangen, der es in sich hatte: Insgesamt elf Kilogramm Kokain waren in einem Hohlraum versteckt. Vor vier Jahren ging nicht nur das Bild um die Welt, wie Italiens Spielführer Fabio Cannavaro den Pokal in den Himmel von Berlin reckt, sondern auch wie Frankreichs Zinedine Zidane nach seinem Kopfstoß und der Roten Karte mit gesenktem Haupt an der bereitstehenden Trophäe vorbei in die Kabine geht.
Der Vorläufer des WM-Pokals, der nach dem früheren FIFA- Präsidenten benannte Coupe Jules Rimet, (ver-)endete vermutlich im Schmelzofen: Brasilien hatte ihn als dreimaliger Weltmeister 1970 behalten dürfen. 1983 verschwand er aus der Vitrine des brasilianischen Fußball-Verbandes. Die Diebe wurden während der WM 1994 gefasst. Die «Goldene Göttin» («Frankfurter Allgemeine Zeitung»), die schon Fritz Walter und Pelé in den Händen hielten, blieb verschwunden. Schon 1966 war der Coupe Jules Rimet bei einer Ausstellung in England gestohlen worden. Der kleine Hund «Pickles» von Scotland Yard spürte ihn in einem Vorstadtgarten von London wieder auf.
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