Nicht nur Lübecker Awo-Mitglieder sind über den „pietätlosen Bittbrief“ schockiert. Heftige Kritik an der Spendenwerbung kommt auch von der Kieler Landespolitik.
Umstrittene Bittbriefe: Awo rechnete mit Kritik
„Wir alle sollten uns rechtzeitig entscheiden, über ein Testament unseren Nachlass zu regeln“, formuliert die Lübecker Awo-Kreisvorsitzende Martina Schröder in dem Brief. Zwar schreibt sie selbst von einem „vielleicht ungewöhnlichen Vorschlag“, fragt dann aber ganz offen: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, mit Ihrem Testament auch den Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt in Lübeck zu bedenken oder ihm zumindest über ein Vermächtnis in Ihrem Testament zu helfen?“ Wie dies funktioniert, darüber informiert die Mitglieder ein beigelegtes Faltblatt „Nach meinem Willen – ein Testament für die Awo“.
So mancher Adressat fühlt sich brüskiert: „Ich musste den Brief zweimal lesen und dachte, das kann nicht wahr sein“, sagt Markus Hagge. Spendengelder zu werben, sei legitim. „Aber dieser formlose Infobrief, der nicht einmal eine direkte Anrede hat, ist schlichtweg pietätlos“, sagt der Lübecker Unternehmer. Er fischte die Awo-Post unmittelbar nach seinem 36. Geburtstag aus dem Briefkasten. „Auch im Bekanntenkreis haben die Leute beim Lesen nur mit dem Kopf geschüttelt“, sagt Hagge.
Deutliche Kritik übt Ursula Sassen, Sozialexpertin der CDU-Landtagsfraktion: „Bei mir würde diese Form eines Bittbriefes erhebliches Unbehagen auslösen.“ Sie glaubt nicht, „dass die Awo sich und ihren ehrenamtlichen Mitgliedern mit dem Vorstoß einen Gefallen getan hat“. Marret Bohn, sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, bezeichnet Infobrief und Faltblatt als „Geschmacklosigkeit“. „Bei einem so sensiblen Thema wie dem Tod und dem eigenen Testament ist viel Fingerspitze erforderlich“, so Bohn.
Wolfgang Baasch, SPD-Sozialexperte und stellvertretender Landes-Chef der Awo, lobt indes die „gute Idee“: „Gerade in Lübeck, der Stadt der Stiftungen, sollte das Vorgehen nicht befremdlich sein.“ Baasch spricht sogar von „konkreter Lebenshilfe, schließlich haben viele sich mit dem Thema Erbe noch nie auseinandergesetzt“. Obwohl auch andere Sozialverbände wie Rotes Kreuz oder Vorwerker Diakonie Spenden aus Nachlässen gern sehen, kommen vergleichbare Aktionen für sie nach eigenen Angaben nicht in Frage.
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