Lübeck – Heftige Kritik am Bittbrief der Arbeiterwohlfahrt (Awo): 700 Mitgliedern ist in den vergangenen Tagen ein formloser Infobrief des Lübecker Kreisverbandes ins Haus geflattert – mit dem „ungewöhnlichen Vorschlag“, die Adressaten sollten darüber nachdenken, die Awo in ihrem Testament zu berücksichtigen.
„Wir möchten gerne neue soziale Projekte anschieben beziehungsweise erhalten. Angesichts der allgemeinen Finanzlage mussten wir nur nach neuen Möglichkeiten suchen, Spenden zu akquirieren“, sagt Jürgen Markmann. Der stellvertretende Awo-Kreisvorsitzende sei beim Vorschlag des „Erbschaftsmarketing“ anfangs selbst „unangenehm berührt“ gewesen. Mit Kritik von Mitgliedern habe er bereits gerechnet. „Andere Organisationen machen dies allerdings auch“, sagt Markmann.
Dass um Spenden aus Erbschaften geworben werde, streiten die Verbände auch gar nicht ab. „Von uns bekommt allerdings niemand Briefe“, sagt Lutz Regenberg von der Vorwerker Diakonie. Tatsächlich gebe es viele Menschen, die die Einrichtung beziehungsweise deren Gemeinschaftsstiftung in ihrem Testament berücksichtigen wollen. „Für diese Personen liegen in unserem Haus Flyer aus oder stehen Informationen auf unserer Internetseite parat“, so Regenberg. Auch bei den Maltesern seien Spenden willkommen. „Wir haben das Thema Testament auch schon in unserer Mitgliederzeitung aufgegriffen – nur offensiv in Form von Briefen würden wir dies nicht angehen“, sagt Carsten Düpjan von den Maltesern. Auch der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes lehnt diese Form der Spendenwerbung ab. „Wenn Mitglieder Interesse haben, können sie uns persönlich ansprechen“, so eine Sprecherin des DRK. „Sachlich und respektvoll“ würden auch die Johanniter verfahren. „Wir bieten landesweit Info-Veranstaltungen zum Thema Erbschaft an“, sagt Antje Tretow vom Johanniter-Regionalverband Nord-West in Kiel.
Für Kai Sachs vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Kiel sei es eine „Stilfrage, wann und in welcher Form Mitglieder mit dem emotionalen Thema konfrontiert werden.“ Norbert Radzanowski von der Nordelbischen Kirche hat mit Spendenwerbung grundsätzlich kein Problem: „Die jetzt abtretende Generation wird so viel Vermögen vererben wie keine vor ihr. Aus einem möglicherweise großen Erbe einen Teil für soziale Zwecke zur Verfügung zu stellen, ist dabei durchaus legitim“, sagt Radzanowski. Der Erfolg der Aktion werde sich allerdings an der jeweiligen Vorgehensweise messen lassen, „über die sich die Awo sicherlich Gedanken gemacht hat“, so der Kirchensprecher. Bastian Modrow
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