Was für ein Auflauf im Rathaus! Ein Fernsehteam und Radioreporter, Fotografen und Journalisten mit gezückten Stiften umringen Frieda Biesenthal, löchern sie mit Fragen, wollen alles ganz genau wissen. Dabei hat Frieda Biesenthal doch eigentlich einen Termin bei Bürgermeister Bernd Saxe. Die 90-Jährige will ihren Führerschein zurückgeben – freiwillig, denn „noch könnte ich fahren“, betont sie. Doch weil Frieda Biesenthal zunächst Lübecks erste und viele Jahre später – bis zu ihrer selbst verordneten Pensionierung vor fünf Jahren – die älteste Taxifahrerin Deutschlands war, interessiert dieser bürokratische Akt auch die Presse.
Schließlich hat Biesenthal in ihrem langen Berufsleben so einiges erlebt, in den 45 Jahren so manchen Prominenten gefahren. Die Schauspielerin Hannelore Schroth sei ihre erste Berühmtheit gewesen, erzählt Frieda Biesenthal. Nino de Angelo habe sie mal nach Hamburg gefahren, erinnert sie sich. Und an noch einen Fahrgast erinnert sie sich bis heute: Paul Kuhn. „Der hat seine Freundin bezahlen lassen, und die hat nur 20 Pfennig Trinkgeld gegeben.“ Auch Bürgermeister Saxe gehörte regelmäßig zu ihren Fahrgästen, seine Trinkgeld-Bilanz: „eher wenig“. Insgesamt will sie sich aber nicht beklagen: „Ich habe viel Trinkgeld bekommen“ – genug, um viel zu reisen. „Ich habe die halbe Welt gesehen.“ Erst im vergangenen Jahr war sie mit dem Auto in Schweden.
Doch nun ist endgültig Schluss mit dem Autofahren, auch privat will sich Frieda Biesenthal nicht mehr hinters Steuer setzen. „Mein Auto ist kaputt gegangen, für eine Reparatur habe ich kein Geld“, begründet sie ihren Entschluss. Längere Strecken fährt sie mit dem Bus, zum Supermarkt gegenüber geht sie zu Fuß. An ihrem Gehwagen baumelt dabei ein Utensil aus Taxifahrer-Zeiten: eine mit Steinen gefüllte Handtasche. „Wenn mich jemand angreift, haue ich die dem um die Ohren“, sagt sie resolut. Es bleibt kein Zweifel, dass sie meint, was sie sagt.
Doch zum Glück ist sie bisher nie in eine gefährliche Situation gekommen. „Manche wollten nicht zahlen, denen habe ich angedroht, sie wieder an den Ausgangspunkt zurückzufahren. Das hat gewirkt“, erzählt sie. In 45 Berufsjahren sei nur einmal ein Gast abgehauen, ohne zu löhnen: 8,80 Mark in Moisling habe sie so verloren. „Das ist doch ein ganz guter Schnitt“, findet Bernd Saxe, der den Führerschein entgegen nimmt. Die kleine Plastikkarte wird geschreddert.
Traurig ist Frieda Biesenthal darüber nicht. Einzig ihr Privatleben müsse sie ein bisschen neu ordnen. „Ich bin immer zum Tanztee nach Bad Oldesloe gefahren, der Wagen war voll. Da müssen wir mal gucken, wie es weitergeht“, sagt sie.
Eines sei ihr aber noch wichtig, sagt Frieda Biesenthal den versammelten Journalisten: „Ich hoffe, dass andere ältere Mitbürger meinem Beispiel folgen und auch ihren Führerschein abgeben – im Interesse des Allgemeinwohls, so schwer es auch fällt.“ Für sie ist der Verzicht auf ihre Fahrerlaubnis eben nicht nur ein bürokratischer Akt.
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