Puttgarden – Donnerstag, 5. Mai: Um 9.12 Uhr ist das eingetreten, was die Beamten der Bundespolizei in Puttgarden seit Tagen geahnt haben. Die ersten tunesischen Flüchtlinge mit „Berlusconi-Visa“ sind da. Zivile Fahnder des Zolls und Mitarbeiter der Bahn haben sie auf dem Bahnhof entdeckt, als sie in einen Zug nach Dänemark steigen wollten. Jetzt sitzen sie im Flur des Bundespolizeireviers, kneten ihre Hände, unterhalten sich auf Arabisch. Sie wirken so, als ob sie nicht zum ersten Mal aufgehalten werden. Ihre Kleidung haben sie seit Tagen nicht gewechselt.
Vor wenigen Wochen hatten die italienischen Behörden entschieden, Tunesier, die illegal eingereist waren, mit Papieren auszustatten, mit denen diese sich in den Schengen-Ländern frei bewegen können. Sie gelten drei Monate lang als Touristen, dann müssten sie den Schengen-Raum für mindestens einen Tag verlassen, um erneut für drei Monate einzureisen. Wenn sie danach keine neue Genehmigung bekommen, könnten sie zu illegalen Einwanderern werden.
Polizeikommissar Sven Schäckermann (46) weiß: „Wenn in Italien Tausende von Flüchtlingen aus Nordafrika ankommen, sind die ersten von ihnen zehn bis 15 Tage später hier.“ Die drei jungen Tunesier sind anscheinend mit der Bahn durch die Schweiz und Deutschland gereist. „Wir haben eine Fahrkarte gefunden, die von der Schweizer Ausländerbehörde ausgestellt wurde“, sagt Schäckermann. Am 3. Mai wurden die Tunesier erstmals in Deutschland aufgegriffen. Bei der Polizei in Baden-Baden erhielten sie die Aufforderung, Deutschland bis zum 6. Mai zu verlassen – am besten in Richtung Italien. Das Problem wird scheinbar immer weitergereicht.
Davon wollen die drei Tunesier nichts wissen. Ihr Ziel ist Norwegen. „Die skandinavischen Länder haben den Ruf, eine liberale Flüchtlingspolitik zu haben, viele Menschen wollen dorthin“, erklärt Schäckermann. Es heißt, dass man leicht Arbeit findet und finanzielle Unterstützung erhält. Aufgriff Nummer Zwei erfolgte am 4. Mai in Lübeck. Einen Tag später nun sind die jungen Tunesier in Puttgarden. Dänemark ist nur 20 Kilometer entfernt. Doch statt mit der Fähre über die Ostsee zu fahren, müssen sie sich erstmal entkleiden. Die Bundespolizisten durchsuchen ihre Jacken und Hosen. Sie finden nicht viel: „Die drei haben 21 Euro bei sich“, sagt Polizeiobermeister Birger Einfeldt (49).
Um 10.46 Uhr spricht Sven Schäckermann mit einem Dolmetscher aus Heiligenhafen, bittet ihn, den Tunesiern zu sagen, dass ihre Ausweise in Ordnung sind und sie Deutschland aber bis zum 6. Mai um 24 Uhr verlassen müssen. Dann reicht er ihnen einen Zettel mit den Telefonnummern der italienischen sowie der tunesischen Botschaft.
15 Minuten später stehen die Polizisten und die Tunesier wieder am Bahnhof. Die drei sind frei, müssen alleine klar kommen. Ob sie einen Zug in Richtung Süden nehmen, oder doch den, der sie nach Dänemark bringt, bleibt unklar. Genauso wie die Frage, wie sie von 21 Euro essen und trinken oder in einem Bett übernachten sollen.
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