Lübeck – Marcel Gebers stand fassungslos in den Katakomben der Lohmühle. „All das, was wir uns in den vergangenen drei Jahren aufgebaut haben, haben die Fans heute zunichte gemacht“, sagte der VfB-Innenverteidiger. Die tolle Choreografie der Lübecker Fans vor dem Landespokal-Finale gegen Holstein Kiel war spätestens nach der 0:3-Niederlage in Schutt und Asche versunken. Bierbecher, volle Tetra-Packs, Sitzschalen, Böller und Raketen flogen aus dem G1-Block aufs Spielfeld, Fans stürmten den Rasen, wollten Holstein-Spielern an den Kragen. Ein Zusammentreffen mit den radikalen Kieler Anhängern konnte die Polizei (mit 400 Beamten im Einsatz) gerade noch verhindern. 16 Fans wurden von Beamten in Gewahrsam genommen und auf dem Rasen angekettet. „Eine Katastrophe, was hier abgegangen ist“, konnte Nils Lange das düstere Szenario nicht begreifen.
Nach diesen schlimmen Vorfällen wird es in der kommenden Woche ein Treffen mit Vertretern des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes (SHFV), der beiden Vereine und der Polizei geben. Der VfB und Holstein können sich auf Strafen gefasst machen. Sie reichen nach Paragraph 20 der Rechtsordnung von einer Geldbuße bis hin zu einer Platzsperre für das nächste Pokalendspiel. „Die Vereine haften für das Fehlverhalten der Fans“, sagt Horst Fischer vom Sportgericht.
„Dieser Freitag war kein guter Tag für den schleswig-holsteinischen Fußball“, erkannte SHFV- Präsident Hans-Ludwig Meyer. Der Verband als Ausrichter wird sich Gedanken machen müssen, ob es richtig ist, die Endspiele im Wechsel nach Kiel und Lübeck zu vergeben. „Ich dachte immer, die Lohmühle sei sicher“, sagte Meyer. Er möchte für mehr Neutralität im Finale sorgen und bringt einen neuen Standort ins Gespräch – das Stadion in Norderstedt. Meyer: „Es ist für Regionalliga-Spiele zugelassen. Aber auch hier fehlt ein Zaun vor der Tribüne.“
Eine Überlegung wert ist es auch, die Spiele zwischen Lübeck und Kiel in den nächsten Jahren komplett zu streichen. Meyer: „Das wäre die richtige Maßnahme. Allerdings ist es sportlich schwierig umzusetzen, und alle müssen auch wirtschaftlich denken.“ Für Lübecks Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Piest wäre eine Absetzung der Spiele „eine Bankrotterklärung. Jetzt voreilige Schlüsse zu ziehen, wäre völlig verkehrt“. Ähnlich denkt Trainer Peter Schubert: „Wir wollen die Spiele nicht herschenken. Im Hin- und Rückspiel in der Regionalliga ist doch nichts passiert.“ Der VfB setzt sich bereits morgen zusammen, um die schlimmen Vorkommnisse aufzuarbeiten.
Viele Fragen müssen geklärt werden. Warum konnten zwei Busse mit Kieler Krawallmachern, die sich zum Teil grün-weiß getarnt hatten, ohne Kontrolle bis fast vors Stadion fahren? Wie kann es sein, dass die Partie mit über einer halben Stunde Verspätung begann? Die Begründung vom SHFV-Sicherheitsbeauftragten Eddy Münch, dass Ordner erst außerhalb des Stadions (bis alle Kieler im Block waren) und dann in der Arena ihren Dienst versehen mussten, klingt absonderlich. Und wie ist es zu erklären, dass im G6-Block auf der Haupttribüne Holsteiner Hardcore-Fans saßen, die spielend leicht Richtung VfB-Ultra-Block hätten gelangen können? „Es war für alle keine Sternstunde“, sagte Münch. Wohl wahr.
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