Eine dreistufige Treppe führt hinauf zum Rezeptionstresen des Mövenpick Hotels: Der Bundesverband kleinwüchsiger Menschen (VKM) tagt bis Sonntag in Lübeck. Die Treppe ist bei allen Veranstaltungen dabei – sonst könnten die Teilnehmer gar nicht über den Tisch schauen.
„Man wird damit groß“, sagt Karen Müller zweideutig über ihren Kleinwuchs. Die 47-jährige Frau aus Handewitt (Kreis Schleswig-Flensburg) misst 1,34 Meter und gehört damit schon zu den Größeren. Doch auch sie hat oft Probleme damit, die EC-Karte in den Automaten zu stecken oder den Joghurt aus den oberen Fächern im Supermarkt-Regal zu nehmen. Auch Gefriertruhen seien eine Herausforderung. „Manchmal fehlen fünf Zentimeter“, erzählt Karen Müller.
Selbst die Zimmertüren im Hotel seien für sie schwer zu öffnen. Die Karten müssten zwar von unten eingeschoben werden, doch auch das sei für manche nicht erreichbar. „Da müssen wir vielleicht Hocker vor die Tür stellen“, überlegt Karin Witt (66), Mitorganisatorin des Bundeskongresses, der erstmals in Schleswig-Holstein stattfindet.
Rund 100 Kleinwüchsige werden in Lübeck erwartet, darunter auch sieben Kinder. Als kleinwüchsig gelten – laut Schwerbehindertengesetz – Menschen mit einer Körpergröße bis 1,40 Meter. Der VKM hat die Grenze sogar bei 1,50 Meter festgesetzt, „weil die Menschen selbst bei dieser Größe Einschränkungen im Alltag haben“, erklärt Karin Witt, die den Bundesverband 1968 in Hamburg mitbegründet hat – als ersten Verband dieser Art in Deutschland. Nach Schätzungen leben bis zu 100 000 Kleinwüchsige in Deutschland.
„Es gibt immer Diskriminierung. Die Welt ist für 1,70 Meter Große gebaut“, beschreibt Witt die Situation. Sie ist 1,24 Meter groß. Fürs Autofahren braucht sie eine Pedalverlängerung, ihre Küche ist eine Sonderanfertigung, ihre Kleidung muss an allen Ecken und Enden gekürzt werden. „Schuhe sind noch schwieriger zu bekommen.“ Karin Witt trägt Größe 27. Nur bei den Kinderschuhen wird sie fündig, denn selbst Spezialgeschäfte für Untergrößen bieten Schuhwerk meist erst ab Größe 30 an. Kinderschuhe sind jedoch nicht selten mit bunten Applikationen und kindlichen Motiven verziert – und kommen für sie nicht in Frage. Und so kauft Karin Witt gern in Südeuropa ein, „denn die Südländer ziehen ihre Kinder erwachsener an“.
Aufgewachsen ist Karin Witt in dem kleinen Ort Blunk (Kreis Segeberg) – zwischen zwei normal großen Schwestern. Nach der Schule suchte sie sieben Jahre lang nach einer Lehrstelle als Schneiderin. Doch sie war zu klein, um die Nähmaschine mit dem Fuß zu bedienen. Auch die Post, so erinnert sich Karin Witt, stellte damals keine Menschen unter 1,50 Meter ein. Schließlich fand sie doch noch einen Job als Näherin in Bad Segeberg. „Dort fingen die Hänseleien an.“ Im Alter von 25 Jahren wurde sie einmal auf der Straße als „kleine Oma“ tituliert. „Das hat mich damals ins Herz getroffen“, sagt sie mit leiser Stimme.
Ihren Weg machte sie dennoch: 1978 zog sie wegen ihres Partners nach Hamburg. Arbeit fand sie schließlich bei C & A in Hamburg, wo sie 24 Jahre in der Änderungsschneiderei tätig war. Sie spielte Theater, trat unter anderem in „Kasimir und Karoline“ als „Direktor der Abnormitäten“ auf und gehörte sogar sechs Jahre dem Ensemble von Theaterregisseur Christoph Schlingensief an. „Ich bin immer ein positiver Mensch gewesen.“
Wichtig sei es, sich selbst anzunehmen. Dazu gehört in ihrem Fall auch die Entscheidung gegen Kinder. Denn in ihrer Familie sei der Kleinwuchs erblich bedingt, erzählt Karin Witt. „Ich wusste ja nicht, ob mein Kind psychisch so stark sein würde, wie ich es bin.“
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