Über 200 Würste hat er wegwerfen müssen. Wolfgang Krause-Riedel weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Imbissbude war sein Leben. Jetzt sitzt er im heimischen Garten und versteht die Welt nicht mehr. Die Stadt hat ihm unvermittelt den Vertrag gekündigt. Wegen der Baustelle ist kein Platz mehr für ihn. „Wurst-Maxe“, Lübecks Institution am Kohlmarkt, muss aufgeben.
Seit 1931 werden auf dem zentralen Platz Bratwürste verkauft. Seit zehn Jahren steht Krause-Riedel am Grill. Doch damit ist jetzt Schluss. Der Kohlmarkt wird radikal umgestaltet. Auch vor der Deutschen Bank, wo Krause-Riedel immer mit seiner roten Wurstbude steht, bleibt kein Pflasterstein neben dem anderen.
Am Montag vergangener Woche erkundigte sich der 52-Jährige noch nichtsahnend bei der Stadt. Wegen der Bauarbeiten musste Krause-Riedel sein Angebot bereits einschränken. Statt ab Dienstag stand der Wagen nur noch freitags und sonnabends am Kohlmarkt. Von 22 bis 3 Uhr war er da. Doch er vermutete, dass es nach der Umgestaltung noch schwieriger werden könnte, machte sich Sorgen um seinen Stellplatz. „Mit der Kündigung habe ich aber nicht gerechnet“, sagt er. Doch genau die hielt er wenig später in der Hand.
Das Schreiben kommt von der Abteilung Sondernutzung des Bereichs Verkehr. Aufgrund der Bauarbeiten sei es „erforderlich, den öffentlichen Raum vollständig zu räumen“, heißt es in dem Papier. Der Imbiss würde die Arbeiten „erheblich behindern oder gar ganz unmöglich“ machen. Das führe zu nicht vertretbaren Mehrkosten und Zeitverzögerung, „die so nicht zu akzeptieren sind“. Die Sondernutzungserlaubnis vom 28. August 2002 werde deshalb widerrufen. „Meine Existenz ist von heute auf morgen weggebrochen“, so Krause-Riedel.
Für die Lübecker war der „Wurst-Maxe“ zentraler Anlaufpunkt in der Nacht. Rettungsdienst-Besatzungen stärkten sich hier, Nachtschwärmer kauften eine Wurst nach dem Kino. Ganz zu schweigen die Taxifahrer: Nicht nur sie, auch Fahrgäste wollten schnell mal eine Wurst essen. „In zehn Jahren war ich bloß eine Woche nicht da“, sagt Krause-Riedel.
Harald Klix und Karin Farsch, beide Taxifahrer, sind außer sich. „Das geht gar nicht“, echauffiert sich Farsch. „Das ist Nachtleben.“ Beide waren Stammgäste beim „Wurst-Maxe“. In jeder Nachtschicht haben sie sich am Kohlmarkt getroffen.
Stadtsprecher Marc Langentepe bekräftigt, die Verwaltung wolle helfen. „Wir sind bemüht, im Umfeld einen geeigneten Platz zur Verfügung zu stellen.“ Möglich wäre eine Fläche auf Höhe von Karstadt Sport. Aber: Dort gibt es keinen Stromanschluss. Der „Wurst-Maxe“ braucht Starkstrom. „Den Anschluss müsste ich selbst legen und zahlen“, sagt Krause-Riedel. Mindestens 1600 Euro zuzüglich Steuern würden fällig. Falls er nach den Bauarbeiten wieder am Kohlmarkt stehen könnte, wäre es eine Investition für lediglich vier Monate. Laut Stadtsprecher wäre im November wieder Platz am Kohlmarkt.
Doch der Bürgersteig wird dann nur noch knapp zwei Meter breit sein – etwas mehr, als der Imbiss an Stellfläche braucht. „Meine Kunden würden auf der Fahrbahn stehen“, so Krause-Riedel. Dann habe die Stadt bestimmt Sicherheitsbedenken. „Nach dem Umbau fährt dort doch kaum noch jemand lang“, ist Langentepes Gegenargument.
Fraglich ist allerdings, ob Wolfgang Krause-Riedel den November noch als „Wurst-Maxe“ erlebt. Wegen der Verkaufseinschränkung auf zwei Tage zehrt er bereits seit dem Frühjahr von seinen finanziellen Reserven. Vier Monate hat er nun gar keine Einnahmen. „Ich kann jetzt nur noch hoffen“, sagt der 52-Jährige resigniert.
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