Als die Welt noch eine andere und Karl-Theodor zu Guttenberg Verteidigungsminister war, schien kaum ein Wort zu mächtig. Die geplante Reduzierung auf 185 000 Soldaten sei „der größte personelle Einschnitt in der Geschichte der Bundeswehr“, sagte er im Januar im Haushaltsausschuss des Bundestages. Auch die SPD griff zum Superlativ und sah die Bundeswehr vor ihrer gewaltigsten Herausforderung. Tatsächlich aber haben die Streitkräfte der Bundesrepublik die radikalste Reform schon mit ihrer Gründung 1955 erfahren.
Sechs Jahre war die Republik da alt, und die westlichen Siegermächte brauchten einen Verbündeten an der Grenze zu dem, was man den Ostblock nannte. Aber die Armee sollte nichts gemein haben mit der Wehrmacht, die Europa und die Welt mit einem Krieg überzogen hatte, an dessen Ende 60 Millionen Tote zu beweinen waren.
Die Bundeswehr wurde als Verteidigungsarmee definiert und in die Nato eingegliedert. Das Führen oder Vorbereiten von Angriffskriegen galt als verfassungswidrig, mit der Haushaltskontrolle durch den Bundestag wurde die Bundeswehr zur Parlamentsarmee, und einen Wehrbeauftragten installierte man auch noch. Statt Kadavergehorsam war der Staatsbürger in Uniform gefragt, ein mündiger Soldat, der der jungen Demokratie entsprach.
1963 waren 400 000 Soldaten in den westdeutschen Kasernen, darunter viele mit dunkelbrauner Vergangenheit. Im deutschen Wendeherbst war mit einer halben Million Mann und 170 000 zivilen Beschäftigten der Höchststand erreicht. Aber der Zerfall der Blöcke und die deutsche Wiedervereinigung markierte auch den Zeitpunkt, an dem die Bundeswehr sich grundlegend wandelte. Es war nicht die erste Reform. Im Grunde, schrieb der Militärkenner Theo Sommer in der „Zeit“, habe fast jeder Verteidigungsminister seit Franz Josef Strauß die Streitkräfte den strategischen Erfordernissen der Zeit anpassen müssen. Aber jetzt, wo die geopolitischen Karten vollkommen neu verteilt wurden, erhielt auch die Bundeswehr ein neues Gesicht.
Aus einer „panzerstarken Verteidigungsarmee“, so beschreiben die Militärs es selbst, wurde „eine mobile und flexible Streitmacht“ für den Einsatz bei Friedens- und Stabilisierungsmissionen. Deutschland veränderte sich und stand in einer veränderten Welt. Und wo die Bundeswehr bisher nur bei humanitären Missionen logistische Unterstützung geleistet oder mit Sanitätern geholfen hatte, griff sie 1999 unter rot-grüner Regierungsverantwortung im Kosovo militärisch ein. „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“, sagte Verteidigungsminister Peter Struck drei Jahre später mit Blick auf den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nach den Terrorangriffen vom 11. September. Innenminister Gustav Heinemann war 1950 noch aus Protest gegen die Wiederbewaffnung zurückgetreten.
Die Nationale Volksarmee der DDR wurde 1990 aufgelöst, 90 000 Soldaten und 47 000 Zivilbeschäftigte fragten sich, was werden soll. Etwa 20 000 wurden in die Bundeswehr übernommen, insgesamt aber wurde die Truppe kleiner. Mitte der Neunzigerjahre waren es noch etwa 340 000 Soldaten. Die Einheiten wurden in Krisenreaktionskräfte, Hauptverteidigungskräfte und eine Grundorganisation gegliedert. In den Folgejahren gab es weitere Umstrukturierungen, und als im Jahr 2000 eine junge Deutsche vor dem Europäischen Gerichtshof klagte, konnten Frauen bei der Bundeswehr neben Sanitäterin oder Musikerin nun auch Soldatin werden. Anfang dieses Jahres waren 17 500 Frauen bei der Bundeswehr, neun Prozent.
Auslandseinsätze der deutschen Armee gehören heute zum gewohnten Bild. Im Oktober waren mehr als 7500 deutsche Soldaten weltweit im Einsatz, gut 5000 allein in Afghanistan. Die übrigen waren beteiligt an internationalen Missionen im Kosovo, Libanon und Südsudan, vor Somalia und in der Demokratischen Republik Kongo.
Und dann fiel in diesem Sommer auch noch die Wehrpflicht, nach 55 Jahren. Es war ein weiterer Schwenk hin zu einer Professionalisierung und Verschlankung der Streitkräfte, die längst nicht abgeschlossen ist. Und wohl auch unumgänglich. Im Juli berichtete die „Wirtschaftswoche“, die Ausgaben für einen deutschen Soldaten lägen dreimal so hoch wie im EU-Schnitt. Hinter jedem Bundeswehrsoldaten im Einsatz stünden 35 Soldaten und 15 zivile Kräfte im Grundbetrieb und zur Unterstützung – gegenüber acht Soldaten und zwei Zivilisten in Frankreich.
Und deshalb werden weiter Stellen abgebaut, bis nur noch 170 000 Zeit- und Berufssoldaten plus maximal 15 000 freiwillig Wehrdienstleistende da sind. Derzeit zählt die Truppe 220 000 Männer und Frauen. Die Zahl der zivilen Mitarbeiter soll um 20 000 auf 55 000 sinken. Bis 2017 will man die noch von Guttenberg auf den Weg gebrachte Reform umsetzen. Es gibt viel zu tun.
Kommentare powered by Disqus. Unsere Nutzungsbedingungen.
