Der Hutmacherring im Gewerbegebiet Roggenhorst. Schulter an Schulter stehen sie dort, wie zwei knallgelbe Felsen in der Brandung: Die letzten beiden Briefkästen, die auch am späten Abend entleert werden. Post, die hier vor 23.30 Uhr eingeworfen wird, geht noch in der selben Nacht auf ihre Reise. Bislang gab es sieben Standorte der sogenannten Nachtkästen in der Hansestadt, sechs von ihnen hat die Deutsche Post nun aber abgeschafft. „Sie waren wirtschaftlich nicht rentabel“, sagt Martin Grundler von der Post-Pressestelle in Hamburg.
Dass von den rund 100 Briefkästen, die über das Stadtgebiet verteilt stehen, jetzt nur noch die beiden im Hutmacherring den Service einer Spät- (20 Uhr) und Nachtleerung (23.30 Uhr) anbieten, führt die Post auf einen fehlenden Bedarf zurück. „Wir haben die Zahl der spät eingeworfenen Briefe über eine lange Zeit ermittelt – herausgekommen ist, dass bei einigen Touren manchmal nur eine Handvoll an Briefen zusammengekommen ist“, erläutert Grundler. Bereits um 18 Uhr werden Lübecks Briefkästen werktags im Durchschnitt nun zum letzten Mal entleert.
Lars Schöning, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK zu Lübeck, glaubt, dass größere Unternehmen von dem Rückgang der Spät- und Nachtleerungen kaum beeinträchtigt werden: „Die meisten von ihnen haben Rahmenverträge mit Postdienstleistern, die die Post sogar abholen.“ Als problematisch könne sich das Thema allerdings bei kleineren Unternehmen oder bei amtlichen Angelegenheiten wie bei der Post von Notaren oder Anwälten auswirken, meint Schöning.
Manuela Rönke von der Kanzlei am Klingenberg kann das bestätigen: „Für uns ist der Alltag deutlich hektischer geworden. Wir müssen jetzt jeden Tag mit der Post bis um 16.30 Uhr durch sein, damit wir sie noch rechtzeitig in den Briefkasten einwerfen können. Dabei wird bei uns ja deutlich länger gearbeitet.“ Eine tägliche Tour aus der Innenstadt bis in den Hutmacherring findet sie „indiskutabel“.
Auch Post-Kundin Manuela Schrader (57) ärgert sich über die Reduzierung der Leerungen: „Die Post ist einfach nicht mehr das, was sie einmal war.“ Früher sei der Postbote zweimal am Tag gekommen, die Briefe seien schneller ausgeliefert worden, und es habe deutlich mehr Postfilialen und Briefkästen gegeben. „Der komplette Service wurde nach der Privatisierung auf ein absolutes Minimum zurückgefahren“, meint Schrader. Jakob Berner hat die drastische Reduzierung ebenfalls mit Verbitterung zur Kenntnis genommen. Der 36-Jährige betreibt nebenbei einen kleinen Versandhandel im Internet. Er komme häufig erst nach der Arbeit dazu, den „Papierkram“ zu erledigen. „Jetzt muss ich tatsächlich bis nach Roggenhorst düsen, um die Briefe noch am gleichen Abend wegzuschicken – das ist doch schon ziemlich verrückt“, klagt er.
Lübeck ist bei der Reduzierung der Spät- und Nachtleerungen übrigens kein Einzelfall. In Berlin wurde die Zahl der Nachtkästen im August von 700 auf knapp 400 verringert. In Hamburg soll es noch rund 70, in München 13 und in Frankfurt am Main nur noch elf Kästen geben, die den Service anbieten.
Die Zahl der Briefkästen in der Hansestadt, die auch am Sonntag einmal geleert werden, bleibt mit zehn Standorten unterdessen auch nach der Prüfung der Wirtschaftlichkeit durch die Post stabil.
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