Einen vergleichbaren Fall hat es in Schleswig-Holstein noch nicht gegeben: Tausende Patientendaten von psychisch schwer kranken Menschen waren im Internet für jedermann zugänglich. Auf dem Server des Internetdienstleisters waren die Arzt- und Behördenbriefe, Gutachten und Verhaltens-Dokumentationen abrufbar.
Ein LN-Leser machte gestern auf das Sicherheitsleck aufmerksam. „Wie lange die Patienten-Informationen öffentlich zugänglich waren, müssen wir jetzt prüfen“, sagt Weichert. Einige der Dokumente sind auf den gestrigen Tag datiert, unter anderem sind es Briefe des Vereins „Die Brücke“ in Rendsburg, in denen Kostenübernahme für teilstationäre Betreuung für Patienten beantragt wird. Andere Unterlagen stammen teils noch aus dem Jahr 2007. Dort beschreibt beispielsweise eine Therapeutin des Wohnhauses in Schacht-Audorf die psychische Problematik eines Bewohners: „R. provoziert D.. Als D. kontert, sprang R auf, ging auf ihn zu und würgte ihn. Währenddessen schlug er ihn mit dem Kopf mehrmals gegen einen Flipchart. Als ich R. von D. wegzog, beugte er sich noch einmal vor und schlug ihm mit der Faust aufs linke Auge.“ Weiter heißt es in der mit „Dokumentation Krisenmanagement“ überschriebenen Auflistung: „Ich begleitete R. nach draußen. Dort erklärte ich ihm, dass er von mir in die Klinik gefahren wird. Sollte er nicht freiwillig mitkommen, würde ich die Polizei rufen...“
Die ins Internet gestellten Papiere sprechen von paranoider Schizophrenie, Psychosen und anderen seelischen Krankheiten der jeweils namentlich genannten Patienten. Zahlreiche Briefe sind als pdf-Dateien in dem Verzeichnis hinterlegt. Mitunter sind diese nur wenige Tage alt. In einem Brief der Schön-Klinik in Bad Bramstedt wird die Essstörung eines Patienten beschrieben, depressive und psychische Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert. In einem anderen Schreiben, das auf den 21. Oktober 2011 datiert ist, berichtet der Leitende Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Rickling (Kreis Segeberg) über den zehnten stationären Aufenthalt eines 31-jährigen Patienten.
Die LN informierten sowohl „Die Brücke“ Rendsburg als auch den Internetdienstleister umgehend über das Datenleck. Seit gestern Abend ist die Internet-Seite nicht mehr erreichbar. Der Server wurde von den Verantwortlichen komplett heruntergefahren. Am Montag will Datenschützer Weichert den Vorfall vor Ort untersuchen.
Das Unverständnis im Norden ist groß. „Jeder Patient hat Anspruch darauf, dass seine gespeicherten Daten vertraulich behandelt werden“, sagt Christian Kohl vom Kieler Sozialministerium. Das betreffe insbesondere den Schutz vor unbefugtem Zugriff. Kohl: „Eine Missachtung dieses Rechts ist untragbar.“
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