Mit „Gaby“ – wie er sie nennt – fährt Hans-Joachim Trott (87) regelmäßig erst zum Blumengeschäft, dann auf den Friedhof zum Grab seiner Frau. Anschließend erledigen sie zusammen die Einkäufe und trinken meist auch noch einen Kaffee zusammen. „Ich sehe mich als Gesellschafterin. Für den Mann bedeute ich ein Stück Freiheit, mit mir kann er selbstständig einkaufen“, erzählt Gabriela Wurst (52), die seit knapp einem Jahr für Trott arbeitet. Sie ist ausgebildete Seniorenassistentin – ein neues Berufsbild, das stark nachgefragt wird. Die Idee kommt aus Schleswig-Holstein. Inzwischen werden die Seminare auch schon in Hamburg, Freiburg und Berlin angeboten.
Jeden Donnerstag besucht Gabriela Wurst Hans-Joachim Trott in Barsbüttel (Kreis Stormarn). Der 87-Jährige wohnt noch allein in seiner Wohnung – benötigt aber Unterstützung. „Ich brauche jemanden, der mich betreut auf den wenigen Wegen, die ich noch zu machen habe“, erklärt Trott. Mit Gabriela Wurst hat er die Richtige gefunden. Sie begleitet ihn bei Arztbesuchen und fährt ihn mit ihrem Geländewagen auch schon mal ins Miniaturwunderland nach Hamburg. Die beiden verstehen sich prächtig, das sieht man. „Sonst würde es auch nicht funktionieren“, meint Gabriela Wurst, die sich mittels Flugblättern bei den Senioren aufmerksam macht. Schließlich komme man sich sehr nahe. So erfahre sie beispielsweise stets genau, was Hans-Jürgen Trott für die Woche einkaufe, wofür er wie viel Geld ausgebe.
Derzeit betreut Gabriela Wurst nur zwei Senioren, vier würde sie maximal nehmen. „Die Arbeit ist mental anstrengend, man muss sich zu 150 Prozent auf den Kunden einlassen.“ Manche sind dement. Dennoch ist Gabriela Wurst glücklich mit ihrer Aufgabe. „Man bekommt so viel zurück.“ Es werde immer wichtiger, dass alte Menschen betreut würden – zu Hause oder auch im Altersheim. Tatsächlich wollen rund 90 Prozent aller Menschen in den eigenen vier Wänden alt werden.
Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau hat nach 30 Jahren noch mal etwas Neues gewagt, sich selbstständig gemacht und ist in die Seniorenbetreuung eingestiegen – zunächst in Eigenregie. Dann aber ist sie auf die Seminare von Ute Büchmann aus Kiel gestoßen. Die 57-Jährige bietet seit 2007 eine Weiterbildung zum Seniorenassistenten an. Die Idee dazu kam ihr nach dem Tod ihrer Mutter. „Mein Vater ist damals in ein tiefes Loch gefallen. Ich suchte jemanden, der mit ihm diskutieren kann – ohne Erfolg“, erzählt sie.
Inzwischen hat sie ein Qualifizierungskonzept entwickelt. Als bisher erster und einziger Anbieter in Deutschland werden die Teilnehmer gezielt auf die private, nichtpflegerische Senioren-Assistenz vorbereitet, die Pflege und Hauswirtschaft ergänzen soll. Ziel ist es, Ältere bis zuletzt in den eigenen vier Wänden zu unterstützen. „Ich habe mich nach dem Kurs sicherer gefühlt“, sagt Gabriela Wurst. Zudem habe sie viele Anregungen bekommen: von Vorlesetechniken für ältere Menschen, über Gedächtnistraining bis hin zum Umgang mit dem Rollstuhl.
In insgesamt 120 Stunden bekommen die Teilnehmer unter anderem Basiswissen in Psychologie vermittelt, es geht um Gesundheit, Rechtsfragen und Pflege, aber auch um das Knowhow für die Selbstständigkeit. „Diese Ausbildung hält den Vergleich mit Berufsbildern wie etwa Tagesmutter oder Sekretärin stand“, meint Büchmann. Darum setzt sie sich für die staatliche Anerkennung ein. „Diese Lücke möchten wir schließen.“
Das Interesse ist groß: In den vergangenen zwei Jahren haben sich 250 Menschen – vorwiegend Frauen zwischen 35 und 65 Jahren – weiterbilden lassen. Die Teilnehmer kommen aus allen Bundesländern, sogar aus Österreich und der Schweiz. „Das Spektrum reicht vom Arbeiter bis zur Ärztin, die nach einer längeren Familienphase wieder arbeiten will“, sagt Ute Büchmann. Der Verdienst sei unterschiedlich. Die Spanne reiche von 18 Euro pro Stunde in der Provinz bis zu 28 Euro in Hamburg. Im Februar 2012 soll in Berlin der vierte Seminarstandort eröffnet werden. Bis 2014 sind sechs Standorte in Deutschland geplant.
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