Die Polizei warnt vor einem neuen Phänomen, mit dem die Ermittler im Norden derzeit auffallend häufig zu kämpfen haben. Internet-Betrüger versuchen offenkundig gezielt, an die persönlichen Daten von Internetnutzern zu gelangen, um mit gestohlenen E-Mail-Konten ahnungslose Menschen aus dem Bekanntenkreis des Opfers auszunehmen. „Die Masche droht, sich zum Enkeltrick des Internet-Zeitalters zu entwickeln“, warnt Stefan Jung vom Landeskriminalamt in Kiel.
Die Lübeckerin Christa Dirks ist eines der vielen Opfer dessen, was die Polizei Identitätsmissbrauch nennt. Unbekannten ist es gelungen, Zugang zu ihrem privaten E-Mail-Account zu bekommen. „Ich hatte dies mit einem speziellen Passwort gesichert, auf das eigentlich niemand außer mir kommen kann“, berichtet die Inhaberin eines Yoga-Studios in der Hansestadt. Wie es den Kriminellen gelungen ist, kann die Polizei nicht sagen. Fest steht allerdings: „Die Täter haben in meinem Namen eine E-Mail verschickt, in der sie behaupten, ich befände mich im Urlaub in Madrid und man habe mir meine Tasche inklusive Reisepass, Bargeld und Kreditkarten gestohlen“, berichtet Christa Dirks. Scheinheilig bitten die Absender um Geld, bitten um Überweisung per Western Union.
500 Kontakte von Kunden, ehemaligen Kursteilnehmern, Geschäftspartnern und Freunden waren in ihrem virtuellen Adressbuch gespeichert. Etliche bekamen die falsche Mail. Einige antworteten, wollten wissen, wieviel Geld die vermeintlich notleidende Bekannte benötige. Die dreisten Täter reagierten prompt: 1350 Euro. Bislang weiß Christa Dirks zumindest von einer Freundin, die den Betrag überwiesen habe. Aufgefallen war der Betrug erst, als eine Bekannte nach Erhalt der Mail bei ihr angerufen hatte, sich wunderte, weshalb die Yoga-Lehrerin angeblich in Spanien sei. „Mir ist das alles furchtbar unangenehm“, sagt Dirks und ärgert sich, dass sie beim Versuch, Schaden zu begrenzen, keine Hilfe bekommen habe. Weder ihr Internet-Anbieter „googlemail“, noch die auf ausländische Geldtransfers spezialisierte Bank „Western Union“ habe auf die Warnungen reagiert. Mühselig habe sie herumtelefonieren und E-Mails von einem anderen Internetkonto verschicken müssen.
Von einem Einzelfall will Stefan Jung vom LKA nicht sprechen: „Das so genannte Social Engineering, also dass Kriminelle persönliche Daten von Internetnutzern sammeln und missbrauchen, nimmt deutlich zu.“ Eine E-Mail-Adresse und eine Internetseite mit persönlichen Angaben wie Wohnort, Geburtsdatum, Beruf oder Angaben zur Familie reiche bisweilen schon aus, um ein fremdes Internet-Postfach zu übernehmen. „Betrüger müssen nicht das Passwort hacken. Viele Anbieter haben standardisierte Sicherheitsfragen, wenn der Nutzer zwar die E-Mail-Adresse kennt, angeblich aber das Passwort vergessen hat“, berichtet Jung. Einmal ist es die Frage nach dem Namen der Mutter, ein anderes Mal wird nach der Stadt gefragt, in der man seine Ausbildung gemacht hat. „Informationen, die mitunter sehr leicht im Web zu finden sind – speziell in sozialen Netzwerken, in denen Nutzer ihre persönlichen Angaben nicht für Außenstehende gesichert haben“, warnt der Ermittler.
Ein weiterer Fall ereignete sich erst diese Woche in Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen). Mit einem geknackten Facebook-Account hatte ein Betrüger mehrere hundert Euro von einer Familie ergaunert. Der Unbekannte hatte sich über einen Account im sozialen Netzwerk Facebook als angeblicher Bruder ausgegeben und um Geld gebeten. Zweifel kamen den Opfern erst, als es zu spät war.
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