Am frühen Nachmittag des Neujahrstages hat es Steinwürfe auf die Synagoge gegeben. Dabei gingen im ersten sowie im zweiten Stockwerk, in denen sich Wohnungen befinden, vier Fensterscheiben zu Bruch. Die Täter konnten nur wenige Minuten später durch Hinweise des diensthabenden Polizeibeamten, der für die permanente Überwachung des jüdischen Gotteshauses in der St.-Annen-Straße zuständig ist, in der Mühlenstraße festgenommen werden. „Ich habe zufällig aus dem Fenster geschaut“, berichtet ein Anwohner, „über längere Zeit standen da zwei junge Männer vor der Mauer an der Synagoge. Auf einmal holten sie Steine aus ihren Jackentaschen und warfen diese auf das Gebäude. Danach sind sie schnell weggelaufen.“ Wie sich später herausstellen sollte, waren die Steine je zirka drei bis fünf Zentimeter groß.
Die Polizei stellte nach der Festnahme die Personalien des 20-Jährigen und des 28-Jährigen fest und fertigte eine Anzeige wegen Sachbeschädigung an. Was danach passierte, rief erneut die Ordnungshüter auf den Plan: Die beiden Männer – inzwischen wieder auf freiem Fuß – kehrten nur knapp anderthalb Stunden später zum Tatort, zur Synagoge, zurück. Ungehindert konnten sie durch die ungesicherte und nicht verschlossene Eingangspforte auf das Gelände gelangen und sich dem Gebäude bis auf wenige Meter nähern. Zwei Beamtinnen des sogenannten Kriminaldauerdienstes waren gerade vor Ort, um Spuren zu sichern und sich bei den Bewohnern nach dem Vorfall zu erkundigen.
Die beiden Täter gingen direkt auf die zwei Polizistinnen in Zivil und eine Hausbewohnerin zu und gaben sich als die „Steinewerfer“ aus. Sie wollten sich nach eigenem Bekunden bei den Bewohnern entschuldigen und daher an der Haustür klingeln. Ihr Ansinnen wurde von der anwesenden Bewohnerin sofort brüsk zurückgewiesen. Trotzdem entbrannte eine minutenlange Diskussion auf dem Synagogengelände; die beiden Männer wurden folglich von den Beamtinnen des Grundstücks verwiesen und nach Ankunft zweier Einsatzwagen zum Behördenhochhaus gebracht. Carola Aßmann von der Pressestelle der Polizei ist der Hinweis wichtig, dass zu keinem Zeitpunkt des Gespräches eine Gefahr für die Bewohner bestanden habe.
Der 20-jährige Tatverdächtige stamme aus Lübeck, so Stefan Muhtz von der Polizeidirektion Lübeck. Er sei deutlich alkoholisiert gewesen; ein freiwilliger Test habe einen vorläufigen Promillewert von 2,23 ergeben. Zudem erklärt der Pressesprecher: „Der zweite Tatverdächtige ist 28 Jahre alt. Er stammt aus Tunesien und hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Er hat einen gerichtlich bestellten Betreuer. Der Mann war nur leicht alkoholisiert. Ein freiwilliger Test ergab 0,5 Promille als vorläufigen Wert.“ Beide Männer wurden in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Lübeck wieder entlassen.
Der Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, Klaus-Dieter Schultz, gibt zum weiteren Vorgehen an: „Es wurden Ermittlungsverfahren hinsichtlich einer gemeinschädlichen Sachbeschädigung eingeleitet. Aber jetzt müssen wir erstmal die Ergebnisse der Ermittlungsdienste abwarten.“ Hintergründe für eine „Tatbegehung mit staatsschutzrechtlichem Bezug“ seien zurzeit nicht gegeben, so sein weiterer Hinweis. Die Jüdische Gemeinde möchte zu dem Vorfall keine Stellungnahme abgeben.
Im Oktober 2005 wurde die Synagoge das letzte Mal Ziel eines ähnlichen Vorfalls. Ein Unbekannter warf eine Flasche auf das Gotteshaus; diese schlug in einer Scheibe über dem Haupteingang ein. Die ständige Überwachung des Gebäudes durch die Polizei erfolgt seit den Brandanschlägen von 1994 und 1995.
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