Es ist lausig kalt draußen an diesem Abend. Sobald die Sonne hinterm Horizont verschwindet, rutscht das Quecksilber im Thermometer noch weiter in den Keller. Auf der Rampe steht eine Anderthalb-Liter-Packung Eistee. Daneben eine noch volle Flasche Wodka. In den Rucksäcken und Handtaschen der Umstehenden stecken ähnliche Vorräte. Außerdem ist es bis zu Edeka und Aldi nur ein Katzensprung.
Eigentlich hätten René, Vanessa, Christian und all die anderen, die sich abends an der Skaterbahn hinter dem Edeka-Parkplatz treffen, mindestens eine angenehm temperierte Alternative: das Jugendzentrum „Alte Zwoelf“, nur 300 Meter entfernt.
„Aber wir finden diesen Platz hier an der Skaterbahn ziemlich cool“, sagt René, „ob es kalt ist oder nicht, das ist uns egal. Wir sind warm angezogen.“ „Und außerdem“, ergänzt Dennis grinsend, „der Alkohol wärmt uns von innen.“
René und Dennis gehören schon zu den Jugendlichen an der Skaterbahn, die volljährig sind. Mit 18 darf man machen, was man will. Dann sind plötzlich Dinge erlaubt, die vorher verboten waren. Alkohol kaufen und trinken zum Beispiel. Ganz offiziell. Und wer noch keine 18 ist in der Runde, der macht das trotzdem. Dann eben inoffiziell. Und alle wissen das.
Der eigentliche Grund, warum die Skaterbahn bei etlichen Jugendlichen ein viel beliebterer Treffpunkt ist als die „Alte Zwoelf“, ist, dass Alkohol im Jugendzentrum tabu ist. „Da darf man nichts trinken, auch nicht, wenn man schon 18 ist“, gesteht Dennis, „und das ist blöd, deswegen sind wir hier.“
Hier – das ist neben der Skaterbahn auch Marienholm neben der gelichnamigen Kneipe, Cleverbrück nahe der Kirche und im Sommer ein Platz im Moorwischpark. Das sind die Adressen, die auch Anja Vogt, die stellvertretende Leiterin des Jugendzentrums „Alte Zwoelf“, und ihre Kollegen gut kennen. Und die Jugendlichen kennen Anja Vogt und begrüßen sie jedes Mal hocherfreut, wenn die Jugendsozialarbeiterin aus dem knallroten Achtsitzer mit der bunten Aufschrift „Jugendmobil“ steigt. Und das passiert immer freitags, abends ab 19 Uhr. Immer dann, wenn an den beliebten Treffpunkten außerhalb des Jugendzentrum was los ist. Die Stadt Bad Schwartau unterstützt diese Arbeit, indem sie das Jugendmobil für genau diese „Einsätze“ gespendet hat.
„Wir suchen den Kontakt zu den Jugendlichen“, erklärt Anja Vogt. Es gehe nicht darum, Verbote auszusprechen oder den moralischen Zeigefinger zu heben. „Es geht darum, einfach für diese Jugendlichen da zu sein, Vertrauen aufzubauen, Ansprechpartner zu sein, miteinander zu reden“, so Anja Vogt, die sehr gut verstehen kann, „dass junge Leute ganz einfach auch mal Zeiten haben wollen, in denen sie nur unter sich sind, ohne von Erwachsenen kontrolliert und bevormundet zu werden“.
An der Skateranlage, sagt Anja Vogt, treffen sich manchmal 30 bis 40 Jugendliche. Einige sind gerade 13, andere Mitte, Ende 20. Jetzt bei den eisigen Temperaturen sind es vielleicht ein Dutzend junge Leute. Es wird viel geredet. Über Hobbys, schöne Dinge aber auch über Liebeskummer, Stress mit den Eltern oder in der Schule – „Themen, die die jungen Leute eben beschäftigen“, so Vogt. Und es wird getrunken. Und zwar nicht nur Eistee oder Cola. Und auch nicht nur in homöopatischen Dosen. „Ja“, gibt Anja Vogt zu, „manchmal muss man ganz schön schlucken, wenn man sieht, welche Mengen heutzutage ,normal‘ sind. Aber ich denke, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das man die Jugend nicht allein verantwortlich machen darf.“
Bis kurz nach Mitternacht ist die Packung Eistee leer – nachdem sie zwischendurch mit einer (ganzen) Flasche Wodka aufgefüllt wurde. Den Geschmack von Eistee mag in der Runde übrigens nur einer.
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