Natürlich sind die Böllerschüsse aus den Kanonen unverzichtbarer Bestandteil des Heimatfestes der Ahrensböker Gill, darüber braucht kein Mensch zu diskutieren. Aber leider sind die beiden jahrhundertealten guten Stücke aus Gusseisen den Weg alles Irdischen gegangen: Bei der letzten Prüfung auf dem Truppenübungsplatz Putlos hat’s die eine zerlegt, woraufhin die andere gar nicht mehr für den Einsatz zugelassen wurde. Was nun? Wo bekommt der Mensch im Jahr 2012 noch eine echte Kanone oder vielmehr gleich zwei?
Nun, bei Michael Gräber zum Beispiel. Der ist nicht nur Mitglied der Gill, sondern auch Ingenieur für Feinwerktechnik und Chef der Firma Gräber Feinwerktechnik in Trappenkamp. Dort wird Feinmechanik produziert, vom Blechgehäuse bis zur Optomechanik, die Kunden kommen aus den Bereichen Luftfahrt, Foto-, Laser- oder Medizintechnik. Kanonen hat allerdings noch nie einer bestellt. „Das ist das erste Mal, dass ich so etwas konstruiere“, sagt Gräber und blickt auf den Bildschirm seines Rechners, wo das 3-D-Modell seines Spezialprojektes erscheint.
Die exakten Daten hat der Experte sofort parat: 85 Zentimeter lang, 15,9 Zentimeter Maximalumfang und 75 Kilo Gewicht lauten die Eckdaten der Geschütze aus Formstahl „ST 52“. „Kaliber 40 Millimeter, ausgelegt für eine 380 Gramm schwere Bleikugel“, fügt Gräber noch hinzu. „Die zündet man mit 20 Gramm Schwarzpulver.“ Die beiden neuen Modelle werden nicht so aussehen wie die Originale, „aber sie sind dicht dran“.
Derzeit werden an den Maschinen bei Gräber die Einzelteile gedreht, später werden sie zusammengeschraubt, und dann fehlen ja auch noch allerlei maßgebliche Kleinigkeiten wie etwa die Zünder. Seinen Einsatz und den seiner Mitarbeiter stellt Michael Gräber nicht in Rechnung. „Das ist Arbeitsdienst für die Gill – und Training-on-the-job“, erklärt er und lacht. Als Auftragsarbeit hätte jede Kanone mehr als 1000 Euro gekostet, schätzt er, aber so schlage nur das Material zu Buche.
Material hat auch Hubert Lindau bekommen, von verschiedenen Ahrensböker Firmen – Holz- und Metallteile vor allem. Lindau ist der zweite entscheidende Mann im Ahrensböker Kanonenbau-Programm. Bislang hat sich das Gill-Mitglied durch die Herstellung von über zwölf Kilo schweren Vorderladern einen Namen gemacht, jetzt hat Lindau in seiner Garage in Ahrensbök zwei Lafetten gebaut, also die Fahrgestelle für die Kanonen.
Der Maschinenbaumeister, der lange Zeit Ausbilder an der Berufsschule auf dem Priwall war, weiß auch allerhand über die immense Bedeutung der Böllerschüsse fürs Heimatfest. „Früher wurden die Böllerschüsse abgegeben, um die Melkerpause einzuläuten“, erklärt er. Was hieß: Die Vogelschützen stellten das Schießen ein, damit die Bauern gefahrlos auf der Koppel melken konnten – und wenn diese Pause beendet war, gab’s wieder Böllerschüsse. Welche auch das Heimatfest traditionell umrahmen. „Das Fest wird mit zwei Schüssen eröffnet“, so Lindau. Dann wären da noch zwei Schüsse für die Melkerpause sowie zwei für „Schießen beginnt“ am Sonntag, das Gleiche noch einmal am Montag – macht zehn Schüsse insgesamt.
Was eine überschaubare Aufgabe für die Geschütze zu sein scheint. Hätte dafür nicht nur eine Kanone ausgereicht? „Nein“, sagt Lindau und schüttelt entschieden den Kopf. „Das Nachladen dauert ja einige Zeit“ – und dann wäre der Abstand zwischen den beiden Schüssen zu lang.
Der nächste wichtige Schritt wird die Montage der Kanonen auf den Lafetten sein, das soll wohl im Mai gemacht werden. Um ihre Tradition sorgen müssen sich die Ahrensböker jedenfalls nicht, versichert Michael Gräber: „Zum Heimatfest am ersten Juli-Wochenende sind die Kanonen fertig.“
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