„Das geht mir ja nur bis hier“, sagt der zehnjährige Moritz und zeigt mit der Hand an, bis wo ihm das Wasser stehen würde, wenn er einbrechen sollte. „Ich hab’ aber keine Angst“, fügt er hinzu. Er dreht sich um und hat es eilig, zu seinen Freunden zurückzuschlittern, die auf dem Ruppersdorfer See bei Ratekau (Kreis Ostholstein) ein Eishockeyspiel improvisieren. Die Freude steht den sieben- bis zehnjährigen Kindern in die frostig-roten Gesichter geschrieben. Nach der wochenlangen Kälte haben sich zahlreiche Gewässer rund um Lübeck in Eisparadiese verwandelt. Doch die Kommunen im Land geben die Eisdecken grundsätzlich nicht frei – sie wollen sich nicht haftbar machen.
In Hamburg ist man da mutiger: Das erste Alstereisvergügen seit 1997 hat den Segen der Behörden. Über den ganzen Sonnabend gezählt stehen dort rund 100 000 Menschen auf dem Eis – das Betreten der Außenalster geschieht aber auf eigene Gefahr. Wie in Hamburg befinden sich auch in Bad Oldesloe (Kreis Stormarn) die Buden mit Punsch und Bratwurst am sicheren Ufer. Die Veranstaltung am Salzteich mit über tausend Besuchern hat die Stadt selbst auf die Beine gestellt.
Das hat in Lübeck nicht geklappt. Eigentlich sollte es einen Weltrekordversuch auf der Wakenitz geben, ein privater Veranstalter wollte die längste Eispolonaise der Welt mit mehr als 3462 Menschen zustande bringen. Daraus wurde nichts, weil die Stadt die Party untersagte: Das Eis sei zu dünn, die Sicherheit der Teilnehmer nicht gewährleistet, so ein Sprecher der Stadt.
Der Lübecker Yacht-Club dagegen durfte mehrere Essens- und Getränkebuden am Wakenitz-Ufer aufstellen. Dazwischen brennt eine kleine Feuerstelle, an der es sich Olga Vanzijverden und ihre Mutter Lene mit Glühwein gemütlich machen. „No risk no fun“, sagt die 24-jährige Olga. „Ich wäre für die Eispolonaise gewesen.“ Ihre Mutter schüttelt den Kopf: „Bei so vielen Menschen, vielleicht ist das Eis da doch nicht tragfähig genug.“
Hier an der Roeckstraße soll die Eisdecke mindestens 23 Zentimeter betragen. Schlittschuhläufer gleiten über kreisförmige Eisbahnen, junge Männer tragen spontan ein Eishockey-Match aus. Einige Wagemutige spazieren mit Schlitten, Hunden und sogar Kinderwagen hinüber zum anderen Ufer.
So weit reicht das Eis auf der Ostsee vor Scharbeutz (Kreis Ostholstein) natürlich nicht – trotzdem erklimmen zahlreiche Eiswanderer die dicken Schollen, die sich am Ufer übereinander geschoben haben. Manche wagen sich bis zu 50 Meter weit raus. Viel kann nicht passieren, schließlich ist die Ostsee am Strand noch sehr flach. Doch auch die Rutschgefahr ist nicht zu unterschätzen.
Wer es sicherer mag, besucht eine der vielen künstlich geschaffenen Eisbahnen, wie nebenan am Seebrückenvorplatz. Heute ist hier allerdings wenig Platz für Schlittschuhläufer: Bei „Fire & Ice“ können die Leute drei Künstlern über die Schulter schauen, während diese aus großen Eisblöcken Skulpturen meißeln. Am Abend sollten die Eiskunstwerke dann mit einer Feuershow zum Schmelzen gebracht werden. Christian Fischer aus Frankfurt, der gerade an einer Eistänzerin schnitzt, ärgert sich deshalb aber nicht: „Das ist nunmal das Schicksal vom Eis. Ist schnell gemacht und geht schnell wieder flöten.“ Ein Satz, der zugleich prophetisch für die Eisparadiese im Norden steht: Zum Wochenanfang werden wieder Plusgrade erwartet.
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