Paula Klafack beugt sich über eine Kühlbox, die gerade aus dem Saarland ankam. Die Laborantin entnimmt dem isolierten Karton einen Behälter mit Glasröhrchen. Zur Verstärkung des Laborteams wurde die junge Frau aus einem anderen Bereich des Friedrich-Loeffler-Instituts „ausgeborgt“. Denn in dieser Arbeitsgruppe des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der vorpommerschen Insel Riems bei Greifswald herrscht jetzt Hochbetrieb. Die Mitarbeiter sind dem Schmallenberg-Virus auf der Spur, benannt nach einem Ort in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde der winzige Erreger weltweit erstmals nachgewiesen. Mittlerweile hat sich das Virus über Deutschland und Europa ausgebreitet, allein in Schleswig-Holstein gibt es bestätigte Fälle in 50 Schafhaltungen und einem Rinderzuchtbetrieb. Bei Schafen führt es zu Totgeburten und missgebildeten Lämmern, bei infizierten Rindern wurden bisher Fieber und ein Rückgang der Milchleistung beobachtet.
Blutproben aus allen Bundesländern treffen auf der Insel ein, bis zu 300 Röhrchen täglich. „Für ein Monitoring haben wir pro Bundesland mindestens 60 Proben von Schafen und 60 von Rindern angefordert“, sagt Dr. Horst Schirrmeier. „Wir wollen herausfinden, wie weit das Virus verbreitet ist.“ Vielleicht gab es schon früher Tiere, die die Infektion durchmachten, ohne zu erkranken. Tausende Tests sind nötig.
„Wir kennen den Erreger gerade erst drei Monate und wissen noch viel zu wenig über ihn“, erläutert Institutspräsident Prof. Dr. Thomas Mettenleiter. Das ist aber nötig, um möglichst bald einen Impfstoff entwickeln zu können. Im November hatte das Loeffler-Institut das Virus erstmals nachgewiesen. Tierärzte aus dem Sauerland hatten Blutproben von Kühen geschickt, die weniger Milch gaben und Fieber hatten. Erste Vermutung: Es könnte die Blauzungenkrankheit sein, die ruft diese Symptome ebenfalls hervor. Doch sie war es nicht, auch nicht die Maul- und Klauenseuche oder sonst einer „der Verdächtigen aus dem Viren-Universum“, deren Daten die Forscher zum Abgleich heranzogen. „Zu allem, was wir bisher kannten, passten die Proben nicht“, erinnert sich Mettenleiter. Die Forscher suchten weiter.
Ein langer Flur führt dorthin, wo es schließlich gelang, das Geheimnis zu lüften. Alles riecht noch neu, ein bisschen nach Kunststoffmöbeln und Fußbodenkleber. Erst vor gut einem halben Jahr wurde der Labortrakt eingeweiht. Dr. Dirk Höper bedient in dem Bereich das Allerheiligste – den Metagenom-Sequenzer. Äußerlich ein weißer, unspektakulärer Kasten. Kaum imposanter als ein überdimensionales Kopiergerät. Mit diesem hypermodernen Minilabor gelang die Entschlüsselung der genetischen Signatur des Schmallenberg-Virus’. Ist Dr. Höper der Entdecker des Neulings? Der 40-jährige Biologe lacht – und winkt ab. „Das schafft kein einzelner, die Kollegen anderer Bereiche haben viel Vorarbeit geleistet“, meint er. Nachdem das Virus erkannt war, entwickelte ein anderes Forscherteam eine Nachweismethode, die auch nach Belgien, Frankreich, England, Italien, in die Schweiz und die Niederlande weitergegeben wurde.
Laborantin Bianka Hillmann befüllt unter einer sterilen Werkbank eine Zellkulturplatte mit roter Flüssigkeit. Die Kulturen werden dann infiziert und müssen täglich auf die Bildung von Antikörpern kontrolliert werden. Dafür ist Dr. Schirrmeier zuständig. Er schaut durchs Mikroskop, auf dem angeschlossenen Bildschirm wird die Wirkung des Schmallenberg-Virus sichtbar. Großflächig hat der Erreger Zellen zerstört. Schirrmeier weiß, was das in der Praxis bedeutet. „Es gibt Beispiele, da graut es den Schäfern davor, morgens in den Stall zu gehen“, berichtet er. In einigen Herden werden 80 Prozent der Lämmer tot oder missgebildet geboren.
Die Schäfer hoffen deshalb, dass es bald ein Serum gibt, das ihre Tiere schützt. Aber das kann Monate dauern. Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, muss er erst unter Labor- und Praxisbedingungen getestet werden. Institutschef Mettenleiter dämpft die Erwartungen: „In diesem Jahr wird das nichts mehr.“
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