Zahlreiche Sicherheitskräfte, darunter 800 Soldaten, waren am Donnerstag gegen die Terroristen im Einsatz und versuchten, 24 Stunden nach den Terrorangriffen die Extremisten endgültig aus zwei Luxushotels in der indischen Finanzmetropole zu vertreiben. Ein Münchner Medienunternehmer kam bei einem dramatischen Fluchtversuch aus dem Hotel «Taj Mahal», das im Zentrum der Angriffswelle stand, ums Leben. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält es für möglich, dass weitere Deutsche ums Leben gekommen sind.
Mindestens 320 Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt, darunter 22 Ausländer. In der Nacht zum Freitag bereiteten sich Einsatzkräfte darauf vor, die letzten der Angreifer aus den beiden Luxushotels «Taj Mahal« und «Oberoi Trident» zu vertreiben. Ein Indienexperte sprach von einer neuen Dimension des Terrorismus. Die Anschläge lösten weltweit Abscheu und Entsetzen aus. Eine bislang nicht in Erscheinung getretene muslimische Gruppe Deccan Mudschaheddin bekannte sich zu den Anschlägen.
Die Polizei nahm nach Medienberichten vom Donnerstag in einem der belagerten Hotels drei mutmaßliche Terroristen fest. Darunter sei ein Pakistaner, berichtete die indische Nachrichtenagentur PTI am Abend. Die Männer sollen der in Pakistan ansässigen Rebellengruppe Lashkar e Toiba angehören, die die Unabhängigkeit Kaschmirs fordert. Indien und das Nachbarland beanspruchen beide die Provinz.
Der indische Premierminister Manmohan Singh geht davon aus, dass die Terroristen ihre Basis im Ausland haben. Er warnte die Nachbarländer der Atommacht, man werde es nicht dulden, wenn von ihrem Territorium aus Anschläge auf Indien verübt würden. Indiens stellvertretender Innenminister Sriprakash Jaiswal sagte: «Wir betrachten die Terrorangriffe als Krieg und behandeln die Situation wie einen Ausnahmezustand zu Kriegszeiten.»
Am Abend waren noch Schüsse und Explosionen aus den beiden von Terroristen gestürmten Luxushotels zu hören. Anti-Terror-Einheiten und Soldaten versuchten, die Terroristen aus den Gebäuden zu vertreiben. Der Nachrichtensender NDTV berichtete, aus dem «Taj Mahal» seien alle Gäste in Sicherheit gebracht worden. Dort habe sich noch ein verletzter Angreifer verschanzt. Im «Oberoi Trident» hielten sich aber weiterhin rund 100 Menschen auf, von denen 35 in der Gewalt zweier Terroristen sein sollen. Der Ministerpräsident von Maharashtra, Vilasrao Deshmukh, sagte dagegen, in keinem der beiden Hotels seien noch Geiseln in der Gewalt von Extremisten. Die im «Oberoi Trident» verbliebene Gäste hätten sich in den Zimmern eingesperrt.
Indische Medien berichteten, eine weitere Gruppe Terroristen habe sich im Nariman-Gebäude verschanzt, in dem ein jüdisches Zentrum untergebracht ist. Nach Angaben der israelischen Botschaft in Neu Delhi waren insgesamt 10 bis 15 Israelis in der Gewalt von Terroristen, zu weiteren 25 habe man keinen Kontakt herstellen können. Die indische Marine fing ein Schiff ab, das die Terroristen möglicherweise nach Bombay brachte.
In einem Anruf bei dem Sender India TV forderte ein vermeintlicher Terrorist namens Imran Babar die Regierung zur Verhandlung über Kaschmir auf. Andere Medien berichteten nicht über Forderungen. Auch die Regierung des Bundesstaates Maharashtra dementierte, dass die Terroristen Kontakt aufgenommen hätten, und schloss Verhandlungen aus.
Die Angreifer waren am Mittwochabend mit Booten in die Stadt gekommen. Sie griffen dort mindestens zehn Ziele mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten an, darunter die beiden Luxushotels, den wichtigsten Bahnhof der Stadt, ein Café, ein Kino und ein Krankenhaus. Von dem historischen Taj-Gebäude stieg Rauch auf, aus den Fenstern schlugen Flammen. Im Hotel hielten sich mehr als 400 Gäste auf.
Ein Polizeisprecher sagte am Donnerstagabend, unter den Toten seien acht Ausländer. Bei dem deutschen Opfer handelt es sich um den 51-jährigen Ralph Burkei, der sich im Taj-Hotel aufgehalten hatte. Burkei war Programmleiter bei der Firma C.A.M.P. TV, die unter anderem für die Fernsehsender Sat.1 und RTL arbeitet. Burkei sei in der Nacht zum Donnerstag ums Leben gekommen, als er aus dem Hotel flüchten wollte, berichtet die «Abendzeitung». Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin wurden zudem mehrere Deutsche verletzt.
Nach offiziellen Angaben und Medienberichten sind unter den Opfern außer dem Deutschen ein Italiener, ein Brite, ein Japaner und ein Australier. Nach indischen Regierungsangaben erschossen Sicherheitskräfte sieben Terroristen. Eine genaue Zahl der verletzten Deutschen konnte das Auswärtige Amt am Nachmittag noch nicht nennen. Zur Betreuung wurde ein Team von Psychologen nach Bombay geschickt. Außerdem wurden im AA und im deutschen Generalkonsulat in Bombay Krisenstäbe eingerichtet. Zugleich verschärfte das Ministerium seine Reisehinweise. Es rät nun «bis auf weiteres» von Reisen nach Bombay ab.
Der Polizeichef des Bundesstaats Maharashtra, A.N. Roy, sagte, die Terrorserie sei von langer Hand geplant gewesen und beispiellos. «Dies ist ein Angriff auf das ganze Land.» Pakistan verurteilte die Anschläge und schlug eine Hotline zwischen den Geheimdienstchefs der beiden benachbarten Atommächte vor. Bei früheren Anschlägen - etwa bei der Anschlagsserie in Bombay im Jahr 2006 mit fast 200 Toten - hatte Neu Delhi Pakistan eine Beteiligung vorgeworfen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem indischen Premierminister Singh in einem Telefonat ihr Mitgefühl aus und schickte ihm ein Kondolenzschreiben. «In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen», heißt es darin. US-Präsident George W. Bush bot Indien die Unterstützung seines Landes an. Sein designierter Nachfolger Barack Obama betonte, er sei «in Gedanken und in seinen Gebeten bei den Opfern».
London will Anti-Terror-Experten nach Indien entsenden, die spanische Luftwaffe schickte ein Flugzeug, das 50 Spanier aus Bombay in ihre Heimat zurückbringen soll.
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