Der Rollstuhl, die himmelblaue Decke, die Sonnenbrille. Und immer mal wieder der offen stehende Mund. Das Bild des mutmaßlichen KZ-Wärters John Demjanjuk im Münchner Gerichtssaal ist um die Welt gegangen.
Es hat ein Gefühl erregt, das sich aus Grauen und Groteske, Erinnerung und natürlich auch aus der Frage nach Schuld zusammensetzt. Der kanadisch-jüdische Schriftsteller Jonathan Garfinkel setzt sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal des heute 89-jährigen gebürtigen Ukrainers auseinander. Und er wagt sich in seinem Theaterstück «Die Demjanjuk-Prozesse» auch mit satirischen Mitteln an die Frage, wie Deutsche und Israeli mit der möglichen Schuld oder Unschuld dieses Mannes umgehen. Am Mittwoch feierten die «Prozesse» eine gelungene Erstaufführung im Heidelberger Theater.
Vor allem in der ersten Hälfte des schaurig-grotesken Abends prasseln erkenntnisschwere Sätze auf das Publikum ein. «Es war ein Vernichtungslager, wir brauchen keine Zeugen», herrscht der israelische Staatsanwalt Michael Shaked die Zuschauer an, während ein «Fräulein» den «Prozessbeobachtern» im Theater auf den Zahn fühlt: «Sie sind also gekommen», sagt sie, «um die Qualen anderer Menschen zu beobachten. Gott sei Dank bin ich das nicht, werden sie sagen. Gott sei Dank ist das ein Ungeheuer.»
Garfinkel kann diese widersprüchlichen Kommentare einsetzen wie Stiche. Denn für den Wahl-Budapester ist Demjanjuk, der laut Anklage an diesem Samstag 90 Jahre alt wird, vor allem ein Symbol. «Demjanjuk ist eine Leinwand geworden, auf der die Überlebenden, die deutschen und die Israeli ihren Disput über die Frage von Schuld und Gewissen projiziert haben», meint Garfinkel.
In der Inszenierung lässt der 36-Jährige allen Seiten ihren Auftritt: den Überlebenden, die in Demjanjuk fälschlicherweise den Wachmann «Iwan der Schreckliche» zu erkennen glauben; den Anwälten, die sich durch den Prozess die große Bühne versprechen; den US-Nachbarn Demjanjuks, die den 89-Jährigen als «die Sorte Kerl» beschreiben, «der dir dein Fahrrad repariert, auch wenn du ihn nicht kennst».
Klar ist allerdings, dass es sich Garfinkel nicht so leicht machen will. «Jemand muss verurteilt werden, wenn er Schuld auf sich geladen hat», sagt der Kanadier. «Fraglich ist aber, ob Demjanjuk in den Jahren im israelischen Gefängnis nicht schon genug gebüßt hat für eine mögliche Schuld.» Es sei nicht sein Ziel, den alten Mann freizusprechen. «Aber wir müssen uns alle fragen, was wir bei diesen Prozessen mit welchen Mitteln erreichen wollen.»
Grundlage des Textes sind Originalaussagen und Dokumente der Prozesse gegen Demjanjuk in Jerusalem und München. Der 89 Jahre alte Mann gilt als einer der letzten NS-Verbrecher, die für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden sollen. Der gebürtige Ukrainer soll 1943 bei der Ermordung von 27 900 Juden in den Gaskammern von Sobibor geholfen zu haben. Garfinkel hat trotz gesungener Passagen, trotz Klamauk und dem einen oder anderen wirklich schlechten Witz eine erfolgreiche Herangehensweise gefunden. Jungen Leuten gibt sie die Möglichkeit, sich intensiv mit den Nazi-Verbrechen und der Vergangenheitsbewältigung auseinanderzusetzen, ohne Kitsch, ohne Vorurteile, ohne Betroffenheitsrituale.
Mit wenigen Mitteln wird die kleine Heidelberger Bühne umfunktioniert - in ein Männerklo, eine Showbühne, den Gerichtssaal, ein ukrainisches Dorf. Eine Akte, ein Kopftuch, Kopfhörer reichen aus, um Atmosphäre zu schaffen in der dichten Inszenierung von Catja Baumann. Klaus Cofalka-Adami balanciert gekonnt zwischen naiver Unschuld und maskiertem Monster, während der glatzköpfige Daniel Stock mal als makaberes Alter Ego mit kalkweißer Maske des teuflischen Mephisto brilliert, mal als schlechtes Gewissen drängt oder als Anheizer aus den Besucherreihen aufschreit. Zuschauer sollen sich als Katholiken outen, sollen KZ-Namen raten, schunkeln, lachen. Dieser politisch inkorrekte Reflex befreit - und er macht aufmerksam für das nächste starke Bild auf der Bühne.
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