"Typen wie Dutschke gibt es heute nicht mehr"
spielt die Titelrolle im Dokudrama "Dutschke" (Di., 27.04., 20.15 Uhr, ZDF)
Redetalent und politischer Guru: Vor Heidelberger Studenten läuft Rudi (Christoph Bach) wieder einmal zu großer Form auf.
Foto: ZDF / Jochen Roeder
Christoph Bach: Dieses Bild kommt tatsächlich oft durch die Auswahl des Bildmaterials zustande. In Dokumentationen dominiert natürlich der redende Dutschke. Wenn man genauer sucht, findet man aber auch überraschend andere Bilder. Dutschke als sehr aufmerksamer Zuhörer. Jemand, der mitschreibt, nachfragt, die Leute aussprechen lässt und wirklich an einem Dialog interessiert ist. Man sieht ihn lachend, und ich habe sogar Reden auf Tonband angehört, die mit einem Witz beginnen. Wenn man sich näher mit ihm beschäftigt, findet man viele Dutschke-Gesichter. Der moralinsaure Demagoge war nur eines von ihnen. Es war aber auch die Herangehensweise des Films, das man Bilder sammelt und nicht mit vorher gefasster Meinung ein eindeutiges zeichnet.
teleschau: Wie haben Sie sich Ihr Dutschke-Bild gezeichnet?
Bach: Zunächst habe ich mich ins Material gestürzt. Ich habe die Bibliotheken und Antiquariate nach Büchern und Filmen über ihn und die Zeit abgegrast. Wichtig war auch, dass ich all diese langen Interviews, die Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke mit Dutschkes Weggefährten und Zeitzeugen führten, vorher anschauen konnte. Da war es von großem Vorteil, dass der Interviewmarathon abgeschlossen war, bevor wir mit dem Drehen der Spielszenen begannen.
teleschau: War es von Anfang an klar, dass Sie die Sprache Dutschkes weitgehend kopieren würden? Man hätte das ja auch ganz anders lösen können - beim Film über Helmut Kohl hatte sich dessen Darsteller Thomas Thieme dazu entschieden, Kohls Art zu sprechen nicht zu kopieren ...
Bach: Sämtliche Möglichkeiten waren in der Diskussion, aber bei Dutschke ist es etwas anderes als bei Kohl. An Kohl erinnern sich noch viele Menschen, seine Art zu sprechen, war lange Gegenstand von Witzen und Kabarettprogrammen. Dutschkes Rhetorik, Mimik und Gestik kann man hingegen schon wieder verhältnismäßig neutral begegnen. Wir wollten uns schließlich dem echten Dutschke in der Darstellung weitgehend annähern. Ich wollte diesen charakteristischen Dutschke-Sound treffen und die Rolle auch richtig körperlich anlegen. Trotzdem lässt die Darstellung Raum für Interpretationen. Allein deshalb, weil die Spielszenen stark mit den Interviewszenen korrespondieren. Krohmer und Nocke legen zum Beispiel falsche Fährten aus, indem in Spielszenen Dinge behauptet werden, denen direkt danach im Interview widersprochen wird. Schon allein dadurch bleibt unser Dutschke sehr vielschichtig.
teleschau: Was war leichter und was war schwieriger an der Rolle als gedacht?
Bach: Leichter als gedacht waren die Szenen, in denen ich als Dutschke in Hörsälen vor großem Publikum spreche. Das waren Szenen, die ich relativ exakt vorbereiten konnte. Von solchen Auftritten gibt es auch eine Fülle Original-Bildmaterial. Anspruchsvoller waren dagegen die intimeren, privaten Szenen - vor allem jene nach dem Attentat. Da musste ich viel intuitiver vorgehen, vielleicht auch etwas erfinden - auf jeden Fall aber stärker in eine Interpretation gehen.
teleschau: Der Film nimmt sich erstaunlich viel Zeit für Dutschkes Leben nach dem Attentat. In der oberflächlichen Betrachtung war er in jenen Jahren nur noch ein Beschädigter, der sich zurückgezogen hatte. Sie spielen den Dutschke der Jahre 1968 bis etwa Mitte der 70-er erstaunlich potent. Ein Mann, der weiterhin arbeitet, lebt, sich um seine Familie kümmert ...
Bach: Ich glaube, im Film wird beides sichtbar. Wir sehen einerseits, wie tief der Einschnitt durch das Attentat war. Er musste wieder lernen zu sprechen, und die Suche nach einem Aufenthaltsort war zermürbend. Auf der anderen Seite hatte er aber den unbändigen Willen zurückzukehren. Allerdings musste er nach seiner Pause erst mal wieder Anschluss an eine Realität finden, die sich in seiner Abwesenheit stark verändert hatte. Dutschke war ziemlich entsetzt darüber, dass sich die Bewegung so zersplittert hatte - in diese ganzen K-Gruppen beispielsweise. Dass es so ein Zurückschnappen in autoritäre Strukturen gab, gegen die er ja immer gekämpft hatte.
teleschau: Der Film zeigt Rudi Dutschke auch ganz entschieden als Privatmenschen. Als den Mann von Gretchen und den Vater seiner Kinder. Solche Szenen sieht man in den Jahren nach dem Attentat verstärkt ...
Bach: Es war schon vor dem Attentat Dutschkes Wunsch, politische Arbeit und Privates miteinander zu verbinden. Für ihn war es bereits in den Sechzigern eine politische Frage, wie man sich zu Hause, zum Beispiel am Wickeltisch, verhält. Den Liebeszusammenhang in den Kampfzusammenhang einbetten - das war so eine Formulierung von ihm. Im Gegensatz zu anderen, die nur darüber redeten, verhielt sich Dutschke auch privat sehr emanzipiert, spielte mit den Kindern, kümmerte sich um alle Familienbelange.
teleschau: Sie sehen Rudi Dutschke im Film erstaunlich ähnlich. Wie sind Sie zu der Rolle gekommen?
Bach: Ich wusste von diesem Filmprojekt und dass in diesem Zusammenhang auch schon einmal mein Name gefallen war. Nichts war sicher, aber es stand im Raum, dass ich diese Rolle eventuell spielen würde. Das war gut, ich hatte mehr Zeit mich vorzubereiten und die Sinne zu schärfen. Trotzdem war er eine sehr neue Figur für mich. Ich habe bisher eher zweifelnde oder ironischere Typen gespielt. Männer, die weitaus weniger von einer großen Vision getragen waren als Rudi Dutschke - also eher zeitgenössische Figuren. Ich möchte fast sagen: Typen wie Dutschke gibt es heute nicht mehr.
teleschau: Macht es Sie ein bisschen nervös, dass dies die Rolle sein wird, mit der Sie die bislang größte Aufmerksamkeit als Schauspieler erhalten werden?
Bach: Natürlich bin ich aufgeregt, aber das bin ich vor anderen Premieren auch. Rudi Dutschke war eine wichtige Rolle für mich, aber ich persönlich schenke anderen Figuren die gleiche Aufmerksamkeit. Bei diesem Film freue ich mich besonders über das gelungene Konzept von Stefan Krohmer und Daniel Nocke. Der Film liefert kein Abziehbild, sondern regt auf unterhaltsame Art und Weise zu selbstständigem Denken an. Ich bin gespannt, wie das Publikum darauf reagiert.
teleschau: Wurde im Filmteam auch 68er-mäßig diskutiert, wie man Rudi Dutschke zu spielen hatte, oder waren die Filmemacher Stefan Krohmer und Daniel Nocke in dieser Frage eher autoritär?
Bach: Nein, nein, es gab da durchaus viel Diskussion. Wir haben auch eine Menge ausprobiert. Herauszufinden, wie man Rudi Dutschke spielen könnte, war ein gemeinsamer Prozess. Hilfreich waren auch ein paar einfache Mittel und Tricks. An Drehtagen lief ich häufig mit Kopfhörern herum und habe mir immer wieder Ausschnitte aus Dutschke-Reden angehört. Und um die charakteristische Heiserkeit in seiner Stimme hinzubekommen, habe ich vor einigen Szenen mit voller Kraft in ein Kissen geschrien.
teleschau: Was sind Ihre nächsten Projekte?
Bach: Direkt nach dem Dutschke-Film spielte ich in einem Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas, von dem ich ein wahrer Fan bin. Der Film ist ein Dreiteiler für Fernsehen und Kino über den Terroristen Carlos - der "Schakal". Der Film beschäftigt sich mit der Geschichte des internationalen Terrorismus, und ich spiele Hans-Joachim Klein, der damals Mitglied bei den Revolutionären Zellen war. In den deutschen Kinos gibt es den Film voraussichtlich im Herbst zu sehen.
teleschau: Sieht man Sie auch am Theater?
Bach: Ja, in Berlin, wo ich auch lebe, habe ich zuletzt am HAU gespielt, dem Theater "Hebbel am Ufer". Das war eine freie Adaption des Films "Hass" von Mathieu Kassovitz. Mein aktuelles Projekt ist aber wieder ein Film. Der Regisseur ist Rainer Kirberg. Den kann man kennen, weil er, unter vielem anderen, den wirklich einzigartigen Kultfilm "Die letzte Rache" in Zusammenarbeit mit der Avantgarde-Popband "Der Plan" gedreht hat. Sein neuer Film wird auch wieder ziemlich interessant. Eine gefaked-dokumentarische Dreiecksgeschichte zwischen Joseph-Beuys-Studenten im Milieu der Düsseldorfer Kunstakademie und Clubszene der 70er-Jahre. Meine Zeitreise geht also erst einmal weiter!
Christoph Bach
Schauspieler
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