„Urlaub bleibt auch 2012 die populärste Form von Glück“, sagte Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, gestern in Hamburg. Doch immer weniger Menschen könnten an diesem Glück teilhaben und sich Reisen leisten. Die Schere zwischen der Gruppe, die zwei- bis dreimal oder öfter im Jahr in Urlaub fährt, und denjenigen, die aus finanziellen Gründen ganz darauf verzichten müssen, gehe immer weiter auseinander.
Jeder Zweite, der 2011 zu Hause blieb, gab finanzielle Gründe dafür an. Vor fünf Jahren seien dies erst 41 Prozent gewesen. Obwohl für den Traum von einem Urlaub woanders an allen Ecken und Enden gespart werde, könne sich jeder Vierte eine Reise nur 500 Euro kosten lassen.
„Tourismusregionen müssen um Geringverdiener kämpfen“, forderte der wissenschaftliche Leiter des BAT-Instituts deshalb gestern bei der Vorstellung der 28. Deutschen Tourismusanalyse auf der „Reisen“ in Hamburg. Für die Studie wurden 4000 Personen über 14 Jahren befragt. Sie gilt alljährlich als „Bibel“ für die Branche, weil die Hamburger Zukunftsforscher Trends wiederholt richtig vorhergesagt haben.
„Es geht für die Tourismusorte nicht mehr um eine Angebotserweiterung, eher um eine -reduzierung“, so die ungewöhnliche These Reinhards. Vielerorts sei „das Rad bereits überdreht“ worden. Um gerade angesichts der Euro- Ängste auch preisgünstige Angebote machen zu können, dürfe die Angebotspalette für den Gast legitimerweise schmaler werden. Gefährlich werden könnte es, wenn Familien, eine der drei Hauptzielgruppen in Schleswig-Holstein, verstärkt ausbleiben. Der Anteil der Reisenden dieser Bevölkerungsgruppe verringerte sich zuletzt erneut um zwei Prozentpunkte. „Urlaub wird zunehmend zu einem Luxus, den sich zukünftig nur noch jede zweite Familie leisten kann“, warnte Reinhardt.
Die Deutschen geben im Inlandsurlaub nirgendwo so viel Geld aus wie an der Ostsee. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 10,9 Tagen („schnell da, aber auch schnell wieder weg“) ist ihnen die Erholung 818 Euro pro Person wert (Nordsee 776 Euro, Bayern 767 Euro). Die täglichen Ausgaben für einen Tag Deutschland-Urlaub liegen bei 73 Euro inklusive Nebenkosten. Zum Vergleich: Am teuersten ist ein Urlaubstag in den USA mit 133 Euro, am preisgünstigsten in Polen mit 56 Euro.
Bayern hat die Ostseeküste im vergangenen Jahr erstmals von der Spitzenposition beim Inlandsurlaub verdrängt. Zum einen habe der Süden von reiselustigen Ruheständlern profitiert, die es stärker in die Berge gezogen habe als an die See. Zum anderen hätten süddeutsche Bundesländer 2011 bessere Wetterbedingungen gehabt. Im Norden hatte es im Sommer wochenlang geregnet. Die von der schleswig-holsteinischen Tourismusbranche erwarteten Zuwächse in Höhe von zwei Prozent für 2012 hält Reinhardt für etwas zu hoch gegriffen. Eine leichte Steigerung der Übernachtungszahlen sei aber durchaus drin. „Die Badeorte an der Ostsee können Bayern in diesem Jahr wieder als Nummer eins ablösen.“ Dazu trägt auch die mit 35 Prozent hohe Quote an Stammgästen bei. Bei allen Warnungen bleibt der Hamburger Wissenschaftler unterm Strich ein Optimist: „Die Renaissance der deutschen Reisegebiete wird sich 2012 fortsetzen.“
International behauptete Spanien Platz eins bei den Lieblingszielen der Deutschen im Ausland. Verfolger Italien legte zu (+1,6 Prozentpunkte) und konnte den Abstand zur Türkei (-0,3) ausbauen. Mit deutlichem Abstand folgen Österreich und Kroatien. Der Trend zum Deutschland-Urlaub hielt allen Krisen zum Trotz an. Im Inland machten mehr Deutsche Urlaub als in den fünf erstplatzierten Auslandszielen zusammen. Dabei reisten die Ostdeutschen erstmals in der Geschichte öfter als ihre Nachbarn in den alten Bundesländern. Nordafrikanische Ziele verloren angesichts der dortigen Unruhen die Hälfte ihrer deutschen Gäste. Sie haben nur noch einen Marktanteil von mageren 2,4 Prozent.
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