ln-online/lokales vom 02.04.2008 00:00
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Von wegen Bombenopfer: Wofür die Neonazis wirklich warben
Foto: LN
Bei der Kundgebung der NPD am Sonnabend in Lübeck wurde auch ungeniert das NS-Regime gepriesen. Foto: LN
Lübeck - Was sich am Sonnabend in St. Lorenz Süd abspielte, hatte nicht viel von Opfergedenken. Dort wurde unverhohlen für die NS-Ideologie geworben.

Öffentlich wurde die Kundgebung der NPD ankündigt als ein friedliches Gedenken der Opfer des Bombenkrieges. Auch LN-Leser wandten sich an die Redaktion und äußerten ihr Unverständnis, was an einer Gedenkveranstaltung für die Lübecker Bombenopfer verwerflich sein kann. Zunächst mal gar nichts. Sieht man jedoch ein wenig genauer hin, wer die Redner auf der NPD-Kundgebung waren und welche Worte sie gebrauchten, entlarvt sich das angebliche Gedenken sehr schnell als unverhohlene NS-Propaganda.

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Versammlungsleiter Jörn Lemke, Kreisvorsitzender der NPD in Lübeck, hatte sich die führenden Köpfe der norddeutschen Rechten in die Hansestadt eingeladen, darunter Thomas Wulff und Christian Worch. Wulff, der sich selbst den Beinamen "Steiner" gegeben hat (nach einem Obergruppenführer der Waffen-SS), war unter anderem Gründer und Chef der mittlerweile verbotenen Hamburger Neonazi-Partei "Nationale Liste" und wurde mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt. Worch gilt als Vordenker und Funktionär der rechten Szene, wurde als Holocaustleugner bekannt und war Leiter der ebenfalls verbotenen "Aktionsfront Nationaler Sozialisten".

In der Abschlusskundgebung am Lindenteller sprach Wulff nicht nur von den "Bombenterroristen" der Amerikaner und Engländer oder der "alliierten Mordbrenner", er pries auch das NS-Regime: "In den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft strahlte Deutschland in alle Welt hinaus, und zwar vor allem mit sozialen Errungenschaften, die bis dahin ihresgleichen suchten." Kein Wort vom organisierten Mord an sechs Millionen Juden, kein Wort von 60 Millionen Menschenleben, die der von Hitler heraufbeschworene Eroberungskrieg weltweit forderte, kein Wort von Euthanasie und Rassenwahn, von Kriegsverbrechen und Hinrichtungen von Regimekritikern. Stattdessen eine Glorifizierung des Dritten Reiches als sozialpolitisches Erfolgsmodell. Wulff geißelte auch die Lübecker Erinnerungskultur: "Wenn sie von Gedenken reden, dann fallen ihnen gerade mal ein paar Juden aus Lübeck ein, die da krampfhaft zitiert werden, und ein paar Stolpersteine, die sie hier irgendwo in den Gehwegen einpflanzen."

Fragwürdig und abstoßend? Gewiss. Aber auch justiziabel? "So einfach ist das nicht", sagt der Lübecker Oberstaatsanwalt Klaus Dieter Schultz. "Wir prüfen aber, wie viel von diesen Aussagen noch Meinungsfreiheit ist und was davon strafrechtliche Relevanz hat", so Schultz. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz prüft die Reden. Ein Ergebnis lag gestern aber noch nicht vor.

Während der Demo am Sonnabend hat die Polizei allerdings schon fünf Anzeigen wegen "Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" geschrieben: Am Bahnhof schrien zwei Jugendliche vor der Polizei "Heil Hitler", von einem Balkon im Töpferweg zeigten ein 45- und ein 46-Jähriger den Hitlergruß, ebenso wie ein 24-jähriger Teilnehmer der Neonazi-Demo.

Warum die Rechten immer wieder mit einem Thema kommen, das geschichtlich eigentlich schon aufgearbeitet ist, begründet der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit: "Die NPD hofft mit solchen Aussagen, in der Kluft zwischen öffentlichem und privatem Gedenken Fuß fassen zu können", so Speit. "Die Geschichte zum Beispiel der Wehrmacht wird in den Familien zum Teil ganz anders erzählt, als sie in den Geschichtsbüchern steht."


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