Die Kneipe „Herz Dame“ ist in gelbes Licht getaucht. Zwar ist es erst Nachmittag, aber die lustige Skatrunde spielt schon seit 14 Uhr. Die Aschenbecher stehen auf kleinen roten Teppichen, jeder der Spieler hat ein Glas Wasser und einen Schnaps vor sich stehen. Kathi, adrett gekleidet im roten Kostüm und mit goldener Brosche, unterhält die ganze Runde.
Käthe „Kathi“ Raabe ist 87 Jahre alt. Mit dem Bus fährt sie immer dienstags und freitags zum Skatspielen in die Kneipe in Bahnhofsnähe. Zurück geht’s mit dem Taxi. „Manchmal habe ich dann Schlagseite“, erzählt die ältere Dame lachend. Ihre amüsierte Runde kann das bestätigen. Rund um den Tisch sitzen Barbara Giese (57), Gerfried Kalwart (66), Marion Mantai (52) und Petra Lucas (43), die Wirtin des Lokals. „Gerfrieds Harem“, scherzen die lustigen Damen. Seit zwei Jahren spielen sie hier regelmäßig Karten. Vorher trafen sie sich in der Hüxschenke. „Das war die Stammkneipe von mir und meinem Mann, aber dann ist die ja in die Binsen gegangen“, erzählt Kathi, die den Eindruck macht, als könne nichts sie erschüttern. Da haben sich die Spieler einfach umgesiedelt. Sich selbst nennen sie scherzhaft „Interessengemeinschaft“.
Hier, wo die alte Musikbox noch in der Ecke steht, wird aber nicht um Geld gespielt. „Da wäre ich ja arm“, lacht Kathi. Es geht um Schnaps. Damit Felipe am Tresen weiß, wer der Verlierer ist und die Rechnung zahlt, hat jeder seinen Klingelton. Dafür steht neben dem vollen Aschenbecher noch eine kleine Klingel zum Draufhauen.
„Mein Ton ist: zweimal“, erzählt Kathi, „das war schon in der Schule so.“ Ihre Mitspieler amüsieren sich über das Interview, das Kathi gibt, und lachen sich schon Tränen in die Augen. Für alle gibt es eine neue Runde. „Vor 30 Jahren habe ich im Casino in Travemünde gearbeitet“, erzählt sie stolz, da war ich noch die Kognak-Kathi.“ Heute trinkt sie nur noch roten Likör und raucht schon seit zehn Jahren nicht mehr. Das machen die anderen, blaue Nebelschwaden ziehen durch den Raum. Gespielt hat sie aber schon immer gerne. Angefangen hat sie mit „Mensch, ärgere dich nicht“.
Jetzt spielt sie Preisskat. Jeden ersten Sonntag im Monat spielen die Freunde. „Da kommen dann schon 14 Leute“, erzählt Barbara Giese, „und es gibt Fleischpreise.“ Die besten Preise gibt es allerdings beim Weihnachtsskat. Da hat Kati letztes Jahr einen Bräter gewonnen. „Aber ich weiß gar nicht, wer daraus essen soll, ich leb’ ja alleine“, sagt sie trocken und zuckt mit den Achseln.
Dann geht es weiter mit Reizen und Stechen und lustigen Sprüchen von Kathi. Und das komplizierte Kartenspiel um die Getränke nimmt seinen Lauf. Erst seit sechs Jahren spielt die 87-Jährige Skat – und gewinnt fast immer. „Bei meiner Intelligenz habe ich sechs Wochen gebraucht, um das zu lernen“, ruft Kathi in die Runde, wirft einen Pik-Buben auf den Tisch und macht den Stich.