Im Internet stehen die Formulare schon zum Download bereit. Ausdrücklich wird der Arzt darin aufgefordert, die Krankheitssymptome genau zu benennen, mit denen der Student bei ihm vorstellig geworden ist. Weigert sich ein Student, dem Arzt dafür grünes Licht zu geben, können ihn die Prüfer durchfallen lassen. Studentenvertreter Benjamin Raschke (Asta) ist entsetzt: „Richtig hart trifft es Leute, die chronisch krank sind oder die Krankheiten haben, die sie keinem verraten wollen – Aids-Kranke, Leute mit psychischen Problemen. Das sind doch alles Sachen, die man dem Prüfungsamt nicht mitteilen will.“ Auch eine Schwangerschaft gehe die Prüfer nichts an.
Asta-Kollegin Susanne Hoffmann: „Wir werden bei den Landespolitikern darauf drängen, dass das Hochschulgesetz geändert wir. Solche Abfragen müssen verboten sein.“ Bei FDP und Grünen ist man bereits alarmiert. „Ich halte das für einen höchst bedenklichen Vorgang“, erklärt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Wenn der Arzt einen Studenten für prüfungsunfähig erkläre, müsse die Hochschule das hinnehmen, „die genauen Krankheitssymptome gehen die Universität nichts an.“
„Die Uni missachtet elementare Persönlichkeitsrechte“, wettert auch Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel. Und Alfons Grundheber vom DGB Nord klagt: „Ein solcher Zwang zur Entbindung von der Verschwiegenheitspflicht wäre für Arbeitnehmer in Deutschland rechtlich gar nicht zulässig.“ Grundheber spricht daher von einem „unzulässigen Herumschnüffeln in der Privatsphäre von Studenten“.
Verwunderung über den Kieler Vorstoß auch bei Jura-Professor Reinhard Bork, Prodekan und Prüfungsamtsleiter an der Uni Hamburg: „Bei uns reicht ein fachärztliches Attest völlig aus. Damit sind wir bisher immer gut gefahren.“ Auch an der Uni Lübeck wird es so gehandhabt, von einem Verfahren wie in Kiel geplant sei dort nichts bekannt, heißt es.
Kiels Uni-Präsident Professor Gerhard Fouquet wollte sich gestern gegenüber den LN nicht äußern. Stattdessen eine E-Mail der Pressestelle. „Das Präsidium“ erklärt: Das neue Formular sei durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge notwendig geworden, da ab dem ersten Semester alle Prüfungen für die Abschlussprüfung relevant seien. Und: „Das Verfahren soll allen Studierenden gleiche Prüfungschancen ermöglichen und Ungerechtigkeiten sowie Missbrauch möglichst ausschließen.“ Es sei „grundsätzlich nicht Aufgabe des Arztes“, die Entscheidung zu treffen, ob ein Rücktritt von der Prüfung gerechtfertigt sei – das entscheide die Prüfungsbehörde, heißt es in dem Formular.
Wissenschaftsstaatssekretär Jost de Jager (CDU) sieht derzeit keinen Anlass einzugreifen. Das sieht Benjamini Raschke (Asta) ganz anders: „Wir werden in den Uni-Gremien Druck machen, bereiten aber auch Protestaktionen und eine Klage vor.“
Sascha schrieb am 19.05.2009 11:06:
Das ist traurigerweise seit einem Jahr an der Universität Rostock schon gang und gebe. Angefangen hat damit übrigens die Universität Greifswald.
Janni schrieb am 21.05.2009 21:44:
Da müssen die Studierenden klagen Aber hallo Da werden Grundrechte verletzt. Wo leben wir denn eigentlich?
arno schrieb am 22.05.2009 05:41:
Ich weiss nicht, wieso diese offensichtlich grundgesetzwidrigen Regelungen in unserem Land auch nur in Erwaegung gezogen werden koennen. Mir scheint, fuer "Wehret den Anfaengen" ist es schon etwas zu spaet...
Aber da man sich dem Abitur heute nur noch durch Selbstmord entziehen kann, gibt es scheinbar genuegend dumme Studenten ohne Rueckgrat - in den 60ern haetten die Unis gebrannt
Martin schrieb am 22.05.2009 09:02:
Diese Universitäten vergessen wohl das Wörtchen "Schweigepflicht",die jeder Arzt zu bewahren hat.
Das ist nichts weiter als verschärfte Kontrolle und das Bemühen um den gläsernen Studenten.Als nächstes müssen wir wohl eine Kamera mit uns rumtragen, die unseren Alltag aufzeichnet,und man uns kontrolliert ob wir auch wirklich für die Uni lernen
Manul schrieb am 22.05.2009 15:08:
Daran merkt man wie unkritisch und unpolitisch inzwischen die Studenten sind. Studiengebühren, Bologna, Herumschnüffeln in der Privatsphäre... was muss denn noch kommen, bis diese gleich geschaltete Herde aufwacht und sich wehrt? Ist aber schon klar... sich nach vorn zu bücken und nach unten zu treten ist heutzutage einfacher.
kritische Studentin schrieb am 23.05.2009 01:53:
Warum wurden diese Einschnitte noch nie vorher thematisiert?
Ist "der kritische Student" durch den BA ? zur Illusion, eine Utopie geworden?
Ist das Bewusstsein für die Grundrechte/persönlichen Freiheiten im gesamten Bundesland verschollen gegangen? Oder zensiert??
Passend zum 60. Jahrestag können wir uns also fragen: Wozu haben wir denn das Grundgesetz wenn es nicht beachtet wird?
Legolas schrieb am 23.05.2009 13:17:
Ohne Worte, kann man da nur Sagen. Traurig an dem gesamten Konzept ist, dass teilweise jene, die in den 60gern bereit waren die Unis für ihre Rechte in Brand zu setzen, oder zumindest davon profitierten, dass es genug "Studenten mit Brandstifter-Attitüde" gab, und wir heutzutage zu wenige haben die es kümmert
Legolas schrieb am 23.05.2009 13:18:
Vielleicht sollte man gewisse Leute mal daran erinnern, wie sie an ihre Qualifikationen gekommen sind, und ob sie heute immer noch bereit wären, unter diesen Umständen Ihre Titel zu erwerben Interessant wäre es zu erfahren, wie das Gericht darüber entscheidet auch wenn es wohl mal wieder keine Konsequenzen für die genialen Ideengeber geben wird
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