Fiésta in der MuK: Ovationen für 250 junge Musiker
Das Simón Bolívar-Jugendorchester aus Venezuela mit Dirigent Gustavo Dudamel (25) ist bei seinem Auftritt in der ausverkauften MuK enthusiastisch gefeiert worden. Foto: Geißenhöner/LN
Kinder und Jugendliche, die aus sozial schwachen Familien stammen und dennoch klassische Musik machen? In Venezuela ist das ein ganz normaler Vorgang. Der offizielle Name des Orchesters lautet übersetzt "Sinfonieorchester der Jugend Venezuelas Simón Bolívar". Ein sperriger Name für einen außergewöhnlichen Klangkörper, der aus 280 Musikerinnen und Musikern zwischen 16 und 25 Jahren besteht. José Antonio Abreu gründete das Orchester 1975, um Jugendlichen aus den Slums der Städte eine Alternative zu bieten. "Klarinette statt Knarre" könnte man das Konzept nennen, das einen außergewöhnlichen Erfolg hatte. Aus dem Beginn in einer schäbigen Garage in der venezuelanischen Hauptstadt Caracas ist ein Großprojekt geworden. Zur Zeit gibt es 90 Musikschulen mit 250 000 Schülern, 125 Jugendorchester, 57 Kinderorchester und 30 professionelle Sinfonieorchester, die über Abreus Stiftung finanziert werden. Das Geld für Instrumente und die 1500 Lehrkräfte kommt vom Staat; seit 1975 hat jede Regierung in dem südamerikanischen Land das Projekt unterstützt, dessen Kosten sich auf 29 Millionen Dollar pro Jahr summieren.
Gestern kamen die 280 jungen Musikerinnen und Musiker per Bus aus Essen nach Lübeck und stärkten sich auf Einladung der Lübecker Nachrichten im Betriebsrestaurant der LN im Herrenholz. Viel Zeit blieb nicht, nach dem Bezug der Hotelzimmer wurde ab 17.45 Uhr in der MuK geprobt, um 20 Uhr begann dann das Konzert vor ausverkauftem Haus mit Mahlers 5. Sinfonie und Kompositionen von Leonard Bernstein (eine Besprechung lesen Sie morgen).
Auch der Dirigent des Orchesters entstammt dem System der Musikschulen von José Antonio Abreu. Mit zehn Jahren begann Gustavo Dudamel Geige zu lernen, zwei Jahre später dirigierte er zum ersten Mal. Heute ist er 26 Jahre alt, Chefdirigent der Göteborger Symphoniker und designierter Chef von Los Angeles Philharmonic - ein Künstler an der Schwelle des Weltruhms. Mit zehn Jahren ist Dudamel relativ spät in die Musikschule gekommen. Schon mit zwei Jahren können Kinder mit dem kostenlosen Unterricht beginnen, auch die Instrumente werden gestellt. Sechs Tage in der Woche gibt es nachmittags Unterricht, vor allem für Kinder aus Slums ist ein Aufenthalt in einer solchen gewaltfreien Umgebung ein wahrer Segen. Ungewöhnlich am Unterricht an Abreus Musikschulen ist die Pflicht zum Ensemblespiel. Sobald die Kinder ein Instrument halten können, werden sie in Ensembles eingeteilt. Das soll die soziale Kompetenz steigern und ganz einfach mehr Freude machen als das solistische Üben.
Die musikalische Ausbildung ist in dem südamerikanischen Land mittlerweile ein wichtiger Faktor in der Bekämpfung der Jugendkriminalität. Venezuela ist von starken sozialen Gegensätzen geprägt, allein in der Hauptstadt Caracas lebt mehr als die Hälfte der drei Millionen Einwohner in Slums. Abreus Musikschulen lindern die Not etwas.
Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat Abreus Arbeit als "wichtigste Entwicklung im Bereich der Klassik" bezeichnet. Rattle muss es wissen: bei den Berliner Philharmonikern spielt Edicson Ruiz Kontrabass, der von einem Nachbarn zur Musikschule gebracht wurde, weil die Mutter mit dem gewalttätigen Jungen nicht mehr zurechtkam. Ruiz entpuppte sich als großes Talent, erhielt einen Platz in der Orchesterakademie des Festivals und wurde mit 17 der jüngste Berliner Philharmoniker aller Zeiten.
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