ln-online/lokales vom 16.08.2008 09:35
Weltliteratur – verfilmt am Computer
Michael Strunck (gr. Bild, stehend) und Marian Heddesheimer haben wochenlang am PC gesessen, um über „Second Life“ ein Kapitel aus Paulo Coelhos neuestem Roman zu verfilmen. Foto: Risch
Jim Gustafson sieht irgendwie cool aus. Naja, die „Vokuhila“-Frisur ist vielleicht nicht so cool, aber ansonsten macht er schon was her mit seiner Sonnenbrille und dem lässigen Outfit. „Raven’s Skosh“ hingegen wandert als Tiger durch die virtuelle Welt „Second Life“. Im echten Leben sehen der Lübecker Marian Heddesheimer (48) und der Bad Schwartauer Michael Strunck (38) ein bisschen anders aus. Vor allem ein wenig blasser, denn die vergangenen sechs Wochen haben sie damit zugebracht, unzählige Stunden am PC zu sitzen. Sie haben über das Medium „Second Life“ Literatur verfilmt.
Mit Computern haben beide auch beruflich zu tun: Heddesheimer ist Programmierer und Website-Konstrukteur, Strunck Grafiker. Jetzt meisterten sie jedoch die besondere Herausforderung, ein Kapitel von Paulo Coelhos („Der Alchimist“, „Auf dem Jakobsweg“) neuestem Buch „Die Hexe von Portobello“ zu verfilmen.
Der brasilianische Bestsellerautor hatte übers Internet dazu aufgerufen, und wie weltweit wohl tausende andere Hobbyfilmer, folgten Heddesheimer und Strunck dem Aufruf. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich nicht mit Kamera und sonstiger Technik ausrüsteten, keine Schauspieler suchten, sondern die Bausteine von Second Life nutzten. Wochenlang beschäftigten sie sich mit dem Kapitel, in dem Bankdirektor Peter Sherney seine Mitarbeiterin, Hauptfigur Athena, beschreibt. Wie sehen die Avatare (die digitalen Figuren) aus, wie kleiden sie sich, in welcher Umgebung agieren sie und wie wirkt es möglichst echt, wenn sie sprechen?
Heddesheimer hat ein Drehbuch verfasst, das sich eng an die Buchvorlage hält. Eng, nicht sklavisch, „denn ich habe noch ein paar Kollegen von Athena erfunden, die sich in der Kaffeeküche über sie unterhalten“. Für Kaffeeküche und alle anderen Räumlichkeiten sowie Kulissen zeichnet Michael Strunck als „Builder“ verantwortlich, wieder andere Teammitglieder der international besetzten Gruppe „SlipStream Productions“ kleideten die Akteure ein.
Viel Zeit ging für die Suche nach Sprechern übers Internet drauf, und eine besondere Herausforderung war für die Trickfilmer die Mimik. „Das ist unser special effect“, sagt der „Builder“. Hinter Marian Heddesheimer und Michael Strunck liegen sechs Wochen intensiver Arbeit, wöchentliche Absprachen mit den Kollegen – komplett auf Englisch, oft direkt über ein Mikrofon .
Am 24. August entscheidet eine Jury welche Beiträge, die aus aller Welt eingingen, für die Endfassung des Films tauglich sind. Besetzt ist die Jury mit einem Filmproduzenten, einem italienischen Verleger und einem Coelho-Leser.
Klar, dass Heddesheimer und Strunck diesem Termin schon entgegenfiebern, zumal Coelho ein Preisgeld ausgelobt hat. Aber vor allem haben sie eine Menge gelernt: „Mein Englisch“, sagt der „Builder“, „hat sich deutlich verbessert.“ Zudem sei das Filmprojekt bei „Second Life“ eine „Chance für alle, die mal filmisch kreativ sein wollen, ohne gleich auf eine teure Filmschule gehen zu müssen“, ergänzt der Regisseur. Denn schließlich gebe Second Life für wenige Linden-Dollar (L$) Materialien wie Bits und Bilder für die Bauten sowie Kleidung für die Avatare per Mausklick an die Hand.
Jim Gustafson und „Raven’s Skosh“ haben ihre Arbeit offensichtlich gut gemacht. Jetzt erhielten sie die Nachricht, in der engeren Auswahl zu sein. Vielleicht wird man noch eine Menge von den beiden hören – nach dem 24. August, Coelhos Geburtstag.
In den letzten 7 Tagen schon 13 mal gelesen - zuletzt am 18.03.2010 um 08:46.
Marian Heddesheimer schrieb am 19.08.2008 07:14:
Unseren eingereichten Kurzfilm kann man sich übrigens bei blip.tv ansehen:
http://blip.tv/file/1111706
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