ln-online/lokales vom 06.01.2009 11:58
Ein Jahr Rauchverbot: Die Kneipenbilanz
Irene Mandell, Wirtin in der Gaststätte „Bei Ulla“, hat jetzt klare Sicht am Arbeitsplatz. Wer raucht, muss vor die Tür gehen. Foto: ULF-KERSTEN NEELSEN
Wäre alles nach dem Willen des Gesetzgebers gegangen, hätten sich die deutschen Gastwirte so klaglos gefügt wie ihre italienischen und irischen Kollegen, gehörten Szenen wie in „Buthmanns Bierstuben“ in der Glockengießerstraße seit einem Jahr der Vergangenheit an: Männer, die in dunstgeschwängerter Luft an Tischen sitzen, Bier trinken und dabei eine Zigarette nach der anderen rauchen. Mitte des Jahres hatte das Bundesverfassungsgericht einer Klage von Gastronomen stattgegeben und das Rauchverbot für Kneipen unter 75 Quadratmeter Fläche und mit nur einem Raum gekippt. Seither darf auch in „Buthmanns Bierstuben“ wieder gequalmt werden, ohne einen Besuch des Ordnungsamtes fürchten zu müssen.
Wirtin Dagmar Planer, erst seit kurzem Pächterin der Kneipe, ist froh darüber. „Andernfalls hätte ich den Laden nie übernommen. 97 Prozent meiner Gäste sind nun einmal Raucher“, schätzt die 41-Jährige. Und die anderen drei Prozent? „Die stört das eigentlich nicht. Nur ein einziges Mal hat sich ein Gast beklagt.“
„Bei Ulla“ an der Mühlenstraße liegen die Dinge anders. Gastwirtin Ulla Möller hat zwar auch eine Ein-Raum-Kneipe unter 75 Quadratmetern – aber komplett rauchfrei. Gezwungenermaßen. „Bei uns gibt es auch Speisen“, sagt die 82-Jährige. „Deswegen durften wir das Rauchen nicht wieder erlauben.“ Die Wirtin hat sich zwar einiges einfallen lassen, um ihren rauchenden Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen – vor der Tür gibt es eine Sitzecke mitHeizlüftern – aber dennoch: „Viele gute Kunden sind mir weggeblieben. Im Mai habe ich das erste Mal seit 20 Jahren Verlust gemacht. Das hat mir wirklich zugesetzt.“ Zwar werde noch immer viel gegessen, „aber die Gäste bleiben nicht mehr sitzen, so wie früher. Nach dem Essen ist Aufbruch.“ Lutz Ihlenfeld, 66 Jahre und starker Raucher, ist seiner Ulla zwar treu geblieben. Dass er für jede Zigarette vor die Tür muss, ärgert ihn trotzdem. „Es stört jede Kommunikation, wenn die Raucher alle paar Minuten vor die Tür gehen.“
Andernorts hadert man weniger mit der Gesetzeslage. In der „Cole Street“, einem jungen, trendigen Laden in der Beckergrube, wird nur vor der Tür im überdachten Eingangsbereich geraucht. Regengeschützt zwar – aber unbeheizt. „Das funktioniert prima“, sagt Angestellter Philip Turpin. Noch kein Gast habe sich darüber beklagt. „Ich habe sogar den Eindruck, dass die Raucher viel entspannter sind als früher.“ Einige stünden auch mal stundenlang vor der Tür und bestellten dort ihre Getränke.
Aus Sicht von Gesundheitssenator Wolfgang Halbedel (CDU) hat sich die Lage mittlerweile eingependelt. „Nach meiner Erfahrung wird es von den Gästen gut akzeptiert. Und zu dem Kneipensterben, von dem Anfang des Jahres noch ständig die Rede war, ist es auch nicht gekommen“, so der Senator. „Die Luft ist vielerorts besser geworden. Der Gesundheit ist das nur zuträglich.“
Wilfried Rahlff-Petersson, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Lübeck, zieht ebenfalls ein positives Fazit des ersten Nichtraucher-Jahres: „Die anfängliche Aufregung hat sich absolut gelegt, die Gäste haben sich überall an die neuen Regelungen gewöhnt.“ Schleswig-Holstein habe das „liberalste Nichtrauchergesetz“ im Bundesgebiet. Die 75-Quadratmeter-Regelung sei „ein Kompromiss, zu dem man einfach ,ja‘ sagen muss“.
Erstmal nur „jein“ sagt dagegen Rita Lo Prete, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Lübecker Wirte. Nachdem viele Kneipen in der ersten Jahreshälfte Umsatzeinbußen von 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen hatten, habe sich die Lage seit Juli zwar wieder beruhigt, die Wirte seien wieder optimistischer. „Ungerechtigkeiten bleiben aber bestehen: Gaststätten mit Kleinküchen, die trotzdem vom Getränkeumsatz leben, haben das Nachsehen“, klagt Lo Prete. Daher werde die Interessengemeinschaft weiterhin den juristischen Weg beschreiten. In Hessen habe sich ein Gastwirt damit bereits durchgesetzt, dürfe trotz Rauches seine Currywürste braten. „Auf diesen juristischen Zug versuchen wir aufzuspringen.“
In den letzten 7 Tagen schon 9 mal gelesen - zuletzt am 30.07.2010 um 04:27.
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