ln-online/lokales vom 31.05.2009 00:00
"Cap Anamur": Lübecker Kapitän Schmidt wartet auf sein Urteil
In seiner Lübecker Wohnung bereitet Kapitän Stefan Schmidt (67) sich auf den voraussichtlich letzten Prozesstag vor. Foto: Maxwitat
Das Schlauchboot mit den 37 Männern aus Afrika an Bord hatte Schlagseite und der Motor qualmte. Die Männer hatten ein halbes Fladenbrot, zwei Kanister Benzin und ein paar Zettel mit Koransuren an Bord. Es war Sonntag, der 20. Juni 2004. Ihr Ziel, die italienische Insel Lampedusa, lag drei Tagesreisen entfernt. Diese Männer waren so gut wie tot.
Aber dann begegneten sie dem Lübecker Schiff „Cap Anamur“ mit seinem Kapitän Stefan Schmidt, der sie rettete und bald im Mittelpunkt eines Seefahrts-, Flüchtlings-, Justiz- und Mediendramas stand, das auch jetzt, nach fünf Jahren, noch nicht zu Ende ist. Am kommenden Mittwoch wird das Gericht der sizilianischen Hafenstadt Agrigent vermutlich ein Urteil darüber fällen, ob Stefan Schmidt (67) ein Schleuser ist, der Ausländern mit betrügerischen Mitteln zur illegalen Einreise verholfen hat, oder ein Kapitän, der Menschen in Erfüllung seiner Pflicht aus Seenot gerettet hat.
Stefan Schmidt war auf Tankern, Containerschiffen, einem Viehdampfer und einem Kabelleger gefahren, er war Reedereiinspektor, Leiter einer Seemannsschule in der Südsee und Honorarkonsul von Tuvalu gewesen, er hatte drei Söhne großgezogen, er hatte ein erfülltes Leben abseits der Öffentlichkeit geführt, als er 2004, für 1100 Euro brutto im Monat, Kapitän der „Cap Anamur“ wurde, die Hilfsgüter in arme Länder brachte.
Am 20. Juni war die „Cap Anamur“ mit einer Medikamentenlieferung unterwegs nach Akaba in Jordanien. Gegen 15 Uhr, das Schiff fuhr gerade auf 33 Grad 47 Minuten nördlicher Breite und 12 Grad 16 Minuten östlicher Länge, 30 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt, kam der Zweite Offizier zu Stefan Schmidt und erzählte ihm von einem kleinen Boot mit vielen Menschen, das er am Horizont gesehen habe. Zuerst dachten sie, es seien Arbeiter von einer nahe gelegenen Bohrinsel.
Als die 37 Männer aus Afrika auf 500 Meter an die „Cap Anamur“ herangekommen waren, schwenkte einer von ihnen ein rotes Tuch. Über eine Lotsentreppe kamen sie an Bord, einer nach dem anderen. Einer brach auf der Brückezusammen, die meisten mussten gestützt werden. Papiere hatten die Männer keine. Sie behaupteten, sie kämen aus der Region Darfur, was wahrscheinlich nicht stimmte. Sie wurden im Zwischendeck untergebracht und schliefen auf Isomatten. Sie konnten Tischtennis spielen. Sie durften sich frei bewegen, sie bekamen Kochgerät. Sie waren in Sicherheit, fürs Erste.
Aber wohin mit ihnen? Der Hafen von Lampedusa war zu klein für die „Cap Anamur“. Stefan Schmidt beriet sich mit Elias Bierdel, dem Vorsitzenden des Vereins „Cap Anamur“. Dann, es waren schon einige Tage verstrichen, nahm er Kurs auf Sizilien und arrangierte alles für die Einfahrt nach Porto Empedocle, den Hafen von Agrigent.
Am 1. Juli gab der Hafendirektor sein Okay. Das Schiff setzte sich in Bewegung. Plötzlich funkte die Küstenwache: „You have no permission to enter Italian waters“, keine Genehmigung, und dann kamen Kriegsschiffe. Kapitän Schmidt bekam es mit der Angst: „Die hatten schwarz vermummte Männer mit Maschinengewehren an Bord und fuhren Scheinangriffe auf uns.“ Schmidt kehrte um.
Das Warten begann. Das Schiff trieb außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone. Journalisten charterten Fischerboote und ließen sich zur „Cap Anamur“ bringen. „Wir haben sie nicht gerufen“, betont Stefan Schmidt. Bald waren so viele Journalisten an Bord, dass der Kapitän sie in Zehnergruppen einteilte, bevor er sie unter Deck ließ. „Das war fast eine Völkerwanderung“, sagt er. Aber von den italienischen Behörden kam niemand.“
Die Flüchtlinge wurden immer nervöser. Einige traten in den Hungerstreik, andere drohten, sich ins Wasser zu stürzen. Am Sonntag, 11. Juli 2004, traf Stefan Schmidt eine Entscheidung. Er funkte an die Küstenwache: „Bitte erteilen Sie uns bis 12 Uhr mittags eine Genehmigung, sonst muss ich ohne Genehmigung in den Hafen einlaufen.“ Die Erlaubnis blieb aus, die „Cap Anamur“ nahm Fahrt auf.
Im Hafen hielt die Küstenwache sie auf. Tags darauf kam endlich die Genehmigung. Die Flüchtlinge gingen von Bord. Stefan Schmidt und Elias Bierdel bekamen Besuch vom Polizeichef und einem Vertreter der Einwanderungsbehörde. „Sie baten uns zu einem freundlichen Gespräch beim Kaffee“, erinnert sich Schmidt. Doch dann wurden sie einzeln verhört und in Untersuchungshaft genommen. Stefan Schmidt, der Lebensretter, teilte sich die Zelle mit einem Autodieb. Er kam bald wieder frei, aber 2006 wurden er, Bierdel und der Zweite Offizier angeklagt wegen Schleuserei. Die Anklage gegen den Offizier ist inzwischen fallengelassen worden. Schmidt und Bierdel drohen aber noch vier Jahre Haft und 400 000 Euro Strafe.
Kapitän Schmidt sitzt auf dem Sofa in seiner kleinen Wohnung im Lübecker Stadtteil St. Lorenz Nord. Er fährt nicht mehr zur See. Ab und an unterrichtet er angehende Seeleute in Lübeck und Hamburg. „Im Hauptberuf bin ich Angeklagter“, sagt er, nur halb im Scherz. Er vermutet politische Motive hinter der Anklage. Für ihn ist das Drama erst zu Ende, wenn er als freier Mann das Gericht in Agrigent verlässt. „Wir akzeptieren kein bisschen Schuld“, sagt Schmidt. „Bei allem außer Freispruch gehen wir in Revision.“
Von den 37 Afrikanern durfte nur einer in Italien bleiben. Er hatte mit den Behörden kooperiert. Die anderen wurden abgeschoben in die westafrikanischen Länder, aus denen sie wohl stammten. Als Journalisten sich einmal auf die Suche nach ihnen machten, fehlte von der Hälfte jede Spur. Die übrigen schlugen sich so durch. Bis auf einen. Der war ertrunken – beim Versuch, die Insel Lampedusa zu erreichen.
In den letzten 7 Tagen schon 9 mal gelesen - zuletzt am 29.07.2010 um 16:44.
Solveig Müller schrieb am 03.06.2009 10:43:
Ich wünsche viel Kraft und Erfolg beim Prozess. Die Menschlichkeit hat manchmal einen hohen Preis. Doch bitte geben wir sie nicht preis. Solveig Müller
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