Kapitän Stefan Schmidt hat einen schweren Gang vor sich. In knapp zwei Wochen, am 7. Oktober, soll ein Gericht im italienischen Agrigent das Urteil gegen ihn sprechen. Wenn es zum Schlimmsten kommt, die Richter den Forderungen der Staatsanwaltschaft folgen, wird Schmidt den Gerichtssaal nicht mehr als freier Mann verlassen, wird wegen „der bandenmäßigen Beihilfe zur illegaler Einreise“ vier Jahre in einem italienischen Gefängnis verbringen und 400 000 Euro Geldstrafe zahlen – weil er als Kapitän des Hilfsfrachters „Cap Anamur“ im Jahre 2004 37 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot rettete.
Trotz dieses persönlichen Drucks nahm Schmidt am Mittwoch noch gemeinsam mit Nobelpreisträger Günter Grass an einem Gesprächsabend im Lübecker Rathaus teil. Grass ist einer der prominenten Unterstützer, die sich öffentlich zur Solidarität mit Kapitän Schmidt bekennen.
„Ich bin entsetzt, was aus diesem wunderschönen Land Italien geworden ist“, ereiferte sich der Schriftsteller. Unter Berlusconi sei illegale Einwanderung ein Straftatbestand geworden, was zuvor nie der Fall gewesen sei. Das sei „eine Barbarei ohnegleichen“. Sollte es zu einer Verurteilung von Schmidt kommen, warnte Grass im übervoll besetzten Audienzsaal, „werden sich viele Kapitäne scheuen, noch Flüchtlinge in Not aufzunehmen. Sie werden einfach vorbeifahren.“ Er vermisse eine stärkere Unterstützung und Begleitung der Regierung für Schmidt. „Dieser Prozess sollte nicht als Privatangelegenheit betrachtet werden.“ Ebenso enttäuscht sei er vom Heiligen Stuhl in Rom, der sich in die Debatte bisher nicht eingemischt habe. „Dabei ist die Rettung von Menschen in Not eine urchristliche Angelegenheit.“
Theoretisch könnten sich Schmidt und der mitangeklagte erste Offizier sowie der ehemalige Chef der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, Elias Bierdel, dem Prozess in Italien zwar entziehen, indem sie einfach nicht daran teilnehmen. „Wir haben uns aber entschlossen, den italienischen Behörden die Stirn zu bieten und keine Angst zu zeigen“, sagt Schmidt. Auf die Frage von Moderator Jörg-Dieter Kogel, ob er mit heutigem Wissen noch einmal genau so handeln würde wie damals 2004, antwortete Schmidt nur knapp: „Ja, sofort.“
Der Schriftsteller rief die Regierungschefs der Europäischen Union dazu auf, sich von ihren „barbarischen und inhumanen Festungsgesezten“ zu verabschieden. Eine dauerhafte Lösung für das Flüchtlingsproblem könne aber nur darin liegen, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge aus Afrika in ihren eigenen Ländern nachhaltig zu verbessern, so Grass. „Eine andere Lösung weiß ich zumindest nicht.“
phoenix schrieb am 25.09.2009 21:22:
Herr Grass, so gefallen Sie mir. Sie haben aus einem Saulus einen Paulus gemacht. Das ist die wahre Aufgabe eines Schriftstellers, nicht die parteiliche Tagespolitik, sondern dieses Engagement.
Danke
Ähnliche Meldungen im Archiv suchen 
Nach Stichwörtern:
Lübeck
Cap Anamur
Schmidt
Günter Grass
|
||||||||||||||||||













