Von Christian Rabe
Gestern Abend, kurz nach 19 Uhr, hatte der 30. und letzte Patient die Gemeinschaftspraxis von Dr. Petersen und Reimar Busse an der Eutiner Peterstraße verlassen, nachdem er sich gegen die Schweinegrippe hatte impfen lassen.
Das H1N1-Virus breitet sich auch in Ostholstein immer rasanter aus und somit steigt die Bereitschaft zum Pieks. „Seit Anfang der Woche wächst die Zahl der Anrufe. Alleine heute waren es acht, und manchmal stehen sie vor der Tür, um zu fragen, wo man sich impfen lassen kann“, so Dr. Maria Kusserow, Leiterin im Fachdienst Gesundheit des Kreises. Und sie nennt die aktuellen Zahlen der Krankheitsfälle im Kreis seit April: „Bis jetzt hatten knapp 60 ein positives Ergebnis, heute sind allein vier neue Erkrankungen gemeldet.“
Reimar Busse ist einer von derzeit 16 Ärzten in Eutin, die vom Kieler Gesundheitsministerium für diese spezielle Impfung registriert sind. Hatte der Allgemeinmediziner noch vor gut einer Woche mit einer geringen Nachfrage in seiner Praxis gerechnet, ist jetzt die Situation auf den Kopf gestellt. „Wir impfen jeden Arbeitstag“, so Busse zum plötzlichen Ansturm. „Teilweise sind es bis zu 30 Patienten täglich und die Warteliste ist lang. Auch, wenn sie „schnell abgearbeitet wird“, geht der 43-jährige Arzt davon aus, „dass es mehr wird“.
Wie Busse spricht Kollege Dr. Jürgen Kornacher 16 Kilometer weiter in Ahrensbök von „deutlich mehr Arbeit“. Dienstags und donnerstags will er impfen, angefangen hatte es mit 20 Patienten. „Auch hier machen sich die Menschen langsam Gedanken“, so Dr. Kornacher. Katrin Sinner war eine der ersten, die zu ihm kamen. Die 42-jährige Ahrensbökerin hatte ihre Kinder – neun und sieben Jahre – mitgebracht, „weil es für sie besonders wichtig ist, geimpft zu werden, da sie einen schlechteren Immunschutz haben als Erwachsene“. Sie selbst gibt aber auch zu: „Ein Risiko ist immer da, aber ich habe mich vernünftig aufgeklärt.“
Dr. Kornacher ist für weitere Anfragen von rund 70 Patienten vorerst gerüstet – 100 Impfdosen wurden vorige Woche geliefert. Er bezieht das Serum aus der „Königlich priviligierten Apotheke“ seines Ortes. Die ist eine von 17 Logistik-Apotheken in Ostholstein, die die Arztpraxen im Kreis beliefern. „Die 500 Dosen waren schnell verkauft, wir haben schon Nachschub erhalten“, so die Ahrensböker Apothekerin Doris Wieker, die auch glaubt: „Jetzt geht die Nachfrage erst richtig los!“ Das vermutet auch Alexander Scholz, Inhaber der „Apotheke in der Peterstraße“. Er sagt: „Nachdem in Deutschland die ersten Toten bekannt wurden, steigt die Nachfrage.“ Er hätte noch 30 Impfdosen, was einer Menge für 300 Personen entspricht und hat bereits im Großhandel nachgeordert.
Zu denen, die das Serum nachbestellen müssen, gehört Dr. Kirsten Fingscheidt. „Bis Ende nächster Woche habe ich eine Warteliste von 80 Patienten“, sagt die Timmendorfer Ärztin. Bereits in der vergangenen Woche hatte sie die Impfung gestartet, und die jüngsten Fälle in Mecklenburg hätten „viele auch hier animiert“. Nebenwirkungen bei den Patienten? „Keine bisher“, versichert die Ärztin. Auf Grund der großen Nachfrage bemühen sich immer mehr Ärzte und auch Apotheken um eine Registrierung. So hatte sich die Timmendorferin Dr. Katrin Hargus bei der Kassenärztlichen Vereinigung angemeldet. „Ich möchte noch abwarten, wie die Nebenwirkungen sind.“ Apotheker Lutz Hoffmann (Voß-Apotheke Eutin) hat mittlerweile so viele Anfragen von Ärzten, dass „wir jetzt auch liefern werden“.
Was nun die neue Welle betrifft, bringt sie jede Mengen Überstunden für die Ärzte und ihre Helferinnen mit sich. Dr. Fingscheidt hatte auf ihren freien Donnerstag Nachmittag verzichtet, um den Ansturm zu bewältigen und den Pieks zu setzen gegen die Schweinegrippe.
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