ln-online/lokales vom 29.11.2009 00:00
Der Stormarner Wappen-Mann
Ohne ruhige Hände geht es nicht: Auf dem Cognacglas entsteht das Bild der Lübecker Marienkirche. Foto: K.KUHLMANN-SCHULTZ
Es kreischt und schrammt. Wenn sich der Schleifstein ins Glas fräst, dann sind die Geräusche nichts für empfindliche Ohren. Glasschleifer-Meister Wolfgang Günther hört das schon lange nicht mehr: Seit 1953 ist er in diesem Beruf tätig, seit 1979 in Hamberge selbstständig. Er ist der Mann, der die Gemeinden und Städte mit Wappen, gravierten Ehrenvasen, stilvollen Gläsern und geschliffenen Fensterbildern versorgt.
Und er ist der „Wappen-Mann“, der die Glaswappen für den Kreistagssitzungssaal in Bad Oldesloe fertigt. 56 Glaswappen hängen bereits an der frisch renovierten Wand im Saal. Vier fehlen noch. Die Stormarner Gemeinden Grande, Klein Wesenberg und Barnitz haben noch keines in Auftrag gegeben und auch das Amt Siek nicht. Das liegt nicht etwa am Stückpreis von rund 500 Euro pro Kunstwerk, sondern an der Tatsache, dass die vier einfach noch keine Embleme gefunden haben, durch das ihre Gemeinde dargestellt werden könnte. Dabei würde Wolfgang Günther auch ihre gerne in seiner Werkstatt fertigen, „ich habe fast alle gemacht“.
Der Rohling für das symbolträchtige Stück an der Wand des Kreistagssitzungssaals ist eine grünlich getönte Glasscheibe, 39 mal 39 Zentimeter groß. Mit dieser Grundfarbe ausgestattet „ kommt das Wappen besser raus“. Das zeichnet der Künstler mit einem wasserfesten Stift oder Fettstift auf das Glas, um dann mit seinen Werkzeugen an der Schleifbank zu arbeiten. Viel braucht der Glasschleifer – 1960 machte er seinen Meister für Glasschliff und Gravur – nicht, um aus dem schlichten Glasstück ein wahres Meisterstück zu machen. Schleifsteine, die auf die Spindel gesetzt werden, Kork zum Polieren, Bimssteinmehl als Poliersand, Wasser, viel Licht, Augenmaß und natürlich ruhige Hände und eine künstlerische Ader sind gefragt.
Bei der Glasfachschule Zwiesel hat Wolfgang Günther, der aus dem Bayerischen Wald stammt, gelernt und ist nach der Ausbildung nach Lübeck gekommen. „Ich wollte nicht in die Industrie gehen, da war nur Akkordarbeit“, erinnert sich der heute 70-Jährige. Ihm liegt mehr das Kreative, der Reiz, „immer wieder etwas neues, anders zu machen“. In seiner Hamberger Werkstatt entfaltet sich der Glasgestalter seit 1979. Unter seinen Händen entstehen echte Kunstwerke. Dickwandige Vasen, die bei genauem Hinsehen eine irritierende Optik zeigen, glänzende Fensterbilder mit dem Ahrensburger Schloss oder Trinkgefäße, die das Logo des Lions Clubs zieren.
Filigran gearbeitet entdeckt das Auge bei seinen Arbeiten immer neue Details. „Wenn man ansetzt, dann muss das stimmen“, erklärt der Glasschleifer. Einmal verrutscht, einmal mit dem Schleifstein angeritzt, lässt es sich nicht mehr verändern. Glas ist ein bestimmender, nachtragender Werkstoff aus natürlichen Rohstoffen: Quarzsand, Soda und Kalk.
Auch wenn dieser Werkstoff nichts verzeiht, „Kleinigkeiten mache ich auch nach Augenmaß“. Das bringt die Routine. Der Meister des Glases sucht auch heute noch immer neue Herausforderungen, „ich schleife auch Sonderanfertigungen“. Häuser, die nicht nur auf dem Grundstück, sondern, verewigt auf Trinkgläsern, auch im Schrank stehen sollen, Noten des Shanty-Chores auf dem Bierglas – gegen das Vergessen – oder das Wappen des Hamburger Senats auf Whisky-Gläsern. Der Schaffensdrang von Wolfgang Günther ist schier unerschöpflich: „Ich bin noch gefragt, und das ist auch schön so“. Die Arbeit hält ihn jung. Er würde zu gerne noch die fehlenden vier Wappen für den Kreistag selbst schleifen. Denn „bei mir kommt keiner nach, die Kinder machen etwas anderes“.
In den letzten 7 Tagen schon 5 mal gelesen - zuletzt am 09.02.2010 um 17:50.
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