ln-online/lokales vom 09.12.2009 00:00
Fall Pechstein: Lübecker Experte spricht von Hexenverfolgung
Lübeck - Der Lübecker Experte Prof. Wolfgang Jelkmann spricht im „Fall Pechstein“ von Hexenverfolgung. Die Berlinerin darf jetzt wieder auf Olympia hoffen, startet am Freitag beim Weltcup.Claudia Pechstein war auf der Fahrt zum Training in Berlin-Hohenschönhausen, als sie die überraschende Botschaft erreichte: Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin, die am 1. Juli aufgrund auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt worden war, darf am Freitag beim Weltcup in Salt Lake City starten. Das Schweizer Bundesgericht gab nach nur 24 Stunden ihrem Eilantrag statt. „Ich habe meinen Anwalt erst einmal gefragt, ob er das ernst meint“, erklärte die 37-Jährige. In aller erster Linie habe sie aber Erleichterung verspürt. „Mir ist eine richtige Last von den Schultern gefallen“, gab Pechstein zu. Denn wenn die Berlinerin in Salt Lake City unter die besten acht kommt, hätte sie die nationalen Qualifikationskriterien für Vancouver erfüllt. „Was dann kommt, entscheidet das Hauptverfahren vor dem Schweizerischen Bundesgericht“, weiß Pechstein.
Eingereicht wird der Widerspruch allerdings erst im Januar. Doch schon im 70-seitigen Eilantrag weist die Pechstein-Seite auf Verfahrensfehler im Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes Cas vom 25. November hin. So sollen die drei Richter Gutachten, die Pechstein entlastet hätten, nicht berücksichtigt haben.
„Sie haben sie ignoriert“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Jelkmann. Der Direktor des Instituts für Physiologie der Uni zu Lübeck, der weltweit als anerkannter Blut-Experte gilt, war als Gutachter bei der Verhandlung am 22./23. Oktober in Lausanne dabei. Nach der Urteilsverkündung habe er aber allen Glauben an die Gerechtigkeit verloren. „Frau Pechstein hätte freigesprochen werden müssen.“ Denn die sorgfältige Analyse der Blutwerte der vergangenen zehn Jahre zeige keine wissenschaftlichen Hinweise auf Blutdoping. „Im Gegenteil“, sagt Jelkmann, „viele Messwerte widersprechen eindeutig einem Blutdoping.“ Auch andere Experten, wie Prof. Walter Schmidt (Bayreuth), Prof. Wilhelm Schänzer (Köln) und Dr. Klaus Pöttgen (Darmstadt) hegen Zweifel am Cas-Urteil.
Für Jelkmann, der für das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und die Welt- Antidoping-Agentur Wada Forschungsanträge begutachtet, ist Pechstein „das Bauernopfer, damit das gerade errichtete Gebäude des indirekten Dopingnachweises nicht erschüttert wird. Doch das wird es gar nicht.“ Denn die Wada schreibt in ihren ab 1. Dezember gültigen Blutpass-Richtlinien die Messung von neun Blutparametern zum Nachweis von Blutdoping vor. „Bei Frau Pechstein war lediglich die Konzentration der jungen roten Blutzellen, der Retykulozyten, erhöht.“ Bei Pechstein würden die Befunde auf eine Blutanomalie ohne Krankheitssymptome hindeuten. „Mediziner kennen das als kompensierte Hämolyse. Da die Betroffenen in der Regel nicht krank sind, ist es sehr schwierig, eine Ursache für die verkürzte Lebenszeit der Erythrozyten zu finden.“ Was Jelkmann auf die Palme bringt, ist aber, dass „sich die Richter in ihrem Urteil auf die Aussage eines Züricher Tierarztes (Prof. Max Gassmann, d. Red.) berufen, der behauptet hatte, die Diagnosestellung sei innerhalb eines Monats möglich.“
Gar „unverschämt“ empfindet Jelkmann, wie die Cas-Richter ein medizinisches Diagnostik-Lehrbuch mit Füßen traten. „Sie erklärten ironisch spitz, dass die Autoren schon im 19. Jahrhundert geboren worden seien. Das ist zwar richtig, aber das medizinische Werke stets wissenschaftlich aktualisiert werden, ist ihnen wohl verborgen geblieben.“ Jelkmanns Urteil über das Urteil: „Das erinnert an die Hexenverfolgung im Mittelalter.“
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