ln-online/lokales vom 09.02.2010 00:00
„Jeden Tag kamen hunderte Patienten“
Reinhard Gertz (56) aus Bad Segeberg, ehemaliger Telekom-Manager, organisierte den Hilfseinsatz in Haiti. Die Dankbarkeit der Menschen hat ihn überwältigt.Foto: SCHÖNFELD
Diese Bilder wird Reinhard Gertz so schnell nicht vergessen. In sich zusammengefallene Häuser dicht an dicht, tote Menschen am Straßenrand, Überlebende, die in sengender Hitze in primitiven Zeltlagern hausen, die über Stunden in Schlangen für Wasser und etwas zu Essen anstehen. Auch wenn er die Bilder vorher schon hundertfach im Fernsehen gesehen hatte: „Wenn man dann wirklich vor Ort ist, ist das nochmal ganz anders“, sagt Reinhard Gertz. „Meine Güte! Wie soll man das hier alles je in den Griff bekommen“, habe er beim Flug über die völlig zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince gedacht.
Lange hatte der Bad Segeberger vorher überlegt, ob er dieses Leid ertragen kann. Als er dann in der Hölle von Port-au-Prince ankam, war er erschüttert. „Aber ich habe es geschafft, mich auf diese Situation einzustellen“, sagt Reinhard Gertz. Und schließlich wollte er helfen.
Gemeinsam mit einem sechsköpfigen Ärzteteam aus Süddeutschland war der 56-Jährige am 26. Januar für das Kinderhilfswerk „Global-Care“, in dessen Vorstand er ehrenamtlich arbeitet, über Punta Cana in der Dominikanischen Republik in die haitianische Hauptstadt geflogen, in dem kleinen Ort Saintard 50 Kilometer nördlich wollten sie eine seit dem Erdbeben verwaiste Klinik wieder in Betrieb nehmen – ein Großteil der Ärzte war bei der Naturkatastrophe am 12. Januar selbst verletzt worden. Gertz war bei dem Projekt für die Organisation und Logistik zuständig.
Bei ihrer Ankunft in Saintard fand das Hilfsteam aber mehr eine ehemalige Ambulanz denn ein Krankenhaus vor. „Es gibt dort keine Betten, wir hatten keine Möglichkeit, die Menschen stationär aufzunehmen“, erzählt Gertz. Die Operationssäle waren offenbar noch nie in Betrieb und verdreckt. „Die mussten wir erstmal schrubben und desinfizieren.“ Unter primitivsten Bedingungen hätten die Ärzte darin arbeiten müssen. „Außer einem alten Ultraschallgerät gab es keine Instrumente zur Überwachung der Patienten.“ Mitgebracht hatten die ehrenamtlichen Helfer 350 Kilo Medikamente, Narkosemittel, Verbände, Operationsinstrumente, Desinfektionsmittel, sterile Ärztekittel . . . Ein anderer Hilfstransport hatte das Material aus Deutschland nach Santo Domingo in der Dominikanischen Republik gebracht. Reinhard Gertz und seine Kollegen hatten vor Ort außerdem Zugriff auf einen Helikopter der Aktion „Deutschland hilft“. „Der hat unser Material dann letztlich per Hängenetz ins eineinhalb Flugstunden entfernte Saintard gebracht“, erzählt Gertz.
Dort standen die Menschen schon am ersten Tag Schlange, um endlich ärztliche Hilfe zu bekommen. Täglich hätten drei- bis fünfhundert Menschen geduldig auf dem Vorplatz gewartet. „Bei uns hätten spätestens nach einer Stunde die ersten genörgelt – dort haben die Menschen angefangen zu singen. Das war enorm bewegend. Die Dankbarkeit der Menschen dort ist riesengroß.“ Bis zu zehn Operationen schafften die Ärzte am Tag, anderen konnte mit Medikamenten geholfen werden. Etwa die Hälfte der Menschen seien Erdbebenopfer gewesen. „Ganz viele kamen aber auch mit schweren Krankheiten zu uns – um die sonst sehr geringe Chance auf ärztliche Hilfe zu nutzen.“
Gertz hatte für Haiti unter anderem auch 700 Euro im Gepäck, die er in seiner Kirchengemeinde gesammelt hatte. „Von dem Geld wurden Reis, Wasser und Nahrung für die Menschen in Saintard gekauft“, betont er. Den Dienst in der Krankenstation hat jetzt ein Ärzteteam aus den USA übernommen. Global-Care versuche gerade, ein weiteres Hilfsteam zusammenzustellen. Auch Reinhard Gertz könnte dann erneut mitreisen. Klar ist jedoch eines: „Wir wollen in Haiti nachhaltig helfen“, sagt der Segeberger. Das Hilfswerk möchte im Norden des Inselstaates ein Waisenhaus aufbauen – und ein Zuhause schaffen für die Kinder, die bei dieser unfassbaren Katastrophe alles verloren haben.
Mehr Infos über diesen Einsatz in Haiti unter http://www.global-care.de
In den letzten 7 Tagen schon 14 mal gelesen - zuletzt am 14.03.2010 um 15:46.
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