Neu auf CD
Haih Or Amortecedor
Haih Or Amortecedor
Os Mutantes
04.09.2009
Anti
Rock/Pop
Tropical/Psychedelic-Rock
Indigo
Es gibt viel Schrilles in der Welt der musikalischen Neuerscheinungen, und es gibt sogar eine ganze Reihe Partys, die sich damit brüsten, das schönste Motto gefunden zu haben: Stöhn-Musik aus Pornos der 70er, schräge Coverversionen und so weiter. Wer eine brandneue Idee für so eine Mottoparty braucht, dem sei "Bands, die nach 35 Jahren Pause mal wieder eine Platte machen" angeraten. Das erste Stückgut für den Plattenteller: die Os Mutantes mit "Haih Or Amortecedor".Erst einmal zum Historischen: Die Mutanten wurden 1966 in São Paulo/ Brasilien von Arnaldo (Bass, Keyboards, Gesang) und Sérgio Dias (Gitarre, Gesang) gegründet, und den beiden Brüdern stand von Anfang an die Sängerin Rita Lee zur Seite. Bassist Liminha und Schlagzeuger Dinho vervollständigten 1971 das Ensemble, und fünf erfolgreiche und leicht bizarre Tropicalismo-Psychedelic-Rock-Alben später löste sich die Band nach und nach dank diverser Ego- und Drogentrips Mitte der 70-er wieder auf. Arnaldo, Sérgio and Dinho, diesmal mit Sängerin Zélia Duncan fanden aber dann in London 2006 wieder zusammen und gaben ein erstes Konzert nach fast 30 Jahren. Nun also trafen sie sich auch wieder für eine Platte im Studio. Und diese Scheibe, "Haih Or Amortecedor" klingt wahnwitzig!
So verrückt, als ob Frank Zappa sich nach viel LSD plus Koks gemeinsam mit ein paar humorbegabten Musikern Richtung Südamerika aufgemacht hätte, um dort die Hörgewohnheiten/Menschenmassen/politischen Verhältnisse/sich selbst und den Rest der Welt einmal gehörig aufzumischen. So stehen hier berückend normale, klassische Sambas mit Salsa-Flair ("Samba De Fidel") neben heißen schrägen Nummern, die Norman "Fatboy Slim" Cooks Funkpop-Projekt Freak Power zur Ehre gereicht hätten. Psychedelische Nummern mit echtem Peter-Fox-Streicher-Intro ("Querida Querida") und Krimi-Feeling wechseln sich ab mit Hochgeschwindigkeits-Ententanz-Epigonen, die an hyperaktive Hausfrauenwerbungen des italienischen Fernsehens in den 60-ern gemahnen ("2000 E Agarrum"). Es wird an die Strawberry-Fields-Beatles-Phase erinnert ("Nada Mudou"), an Filmmusik, Hendrix, Pink Floyd, tibetische Gebetsmusik ("Gopala Krishna Om") und andere, meist verrückte Klänge. Vor allem haben Os Mutantes ihren psychedelischen und progrockigen Klangfundus aus den 60-ern verlustlos mit ins neue Jahrtausend gerettet.
Kurt Cobain war verrückt nach der Band und flehte sie bereits in den 90-ern an, sich wiederzuvereinen, damit sie für Nirvana anheizen könnten. Beck nennt sie als großes Vorbild, die Flaming Lips bewundern sie. Nun hat sie das Tom-Waits- und Nick-Cave-Label Anti unter Vertrag genommen und genau da, und nur da, gehören sie auch hin. Diese Scheibe ist verrückt und so hyperaktiv und -kreativ, dass man wirklich nicht mehr sagen kann, ob es sich hier um gute oder schlechte Musik handelt. Man weiß hach dieser Gefühlsdusche nur eines: Es ist echte Musik!
Indigo
8714092704129
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