Arthur Leipert, Mitglied der glorreichen VfB-Oberligamannschaft in den 50er Jahren, war nicht sonderlich überrascht, als er von den schweren Ausschreitungen beim Hamburger Hallencup erfuhr. Die gegenseitige Abneigung zwischen VfB- und St. Pauli-Anhängern hat Tradition. „Zum Glück muss ich mich nicht mehr darum kümmern“, sagt der 73-Jährige. „Als ich damals im Vorstand war, hatten wir auch einen ganz schlimmen Fall - ein Messerattentat. Furchtbar!“ Er spricht vom Februar 1981, damals rammte ein 16-jähriger VfB-Fan einem Paulianer ein Stiletto in den Leib, verletzte ihn lebensgefährlich. Der Täter wanderte drei Jahre ins Gefängnis.
Die Geschichte kommt jetzt wieder hoch, denn federführend aus Lübecker Sicht bei den aktuellen Krawallen in Alsterdorf waren Grün-Weiße der älteren Generation – „Alt-Hools“, von denen es noch knapp 20 gibt und von denen sich heute fast alle aktiven Fans distanzieren. Dass etliche von ihnen in Hamburg blind mitgelaufen sind, gestehen die Ehrlichen allerdings ein. Sicher ist: Der VfB muss sich intensiv mit seinen Fans beschäftigen. Und das ist nicht einfach, denn die Szene ist höchst heterogen.
Da ist zunächst einmal der Fankreis, der als Verein organisiert ist. Er hält engen Kontakt zur VfB-Führung, aus seinen Reihen wird sogar ein Aufsichtsrat gestellt. Die Polizei, die Fans in A (friedlich), B (gewaltgeneigt) und C (gewaltsuchend) kategorisiert, gibt den rund 100 Fankreismitgliedern das Prädikat A. Viele von ihnen entstammen ehemaligen Fanklubs, von denen es zu Zweitligazeiten 2003/4 mal 24 gab. Mittlerweile sind es nur noch fünf. Dass insgesamt nur noch ein „harter Kern“ von treuen Unterstützern übrig geblieben ist, verdeutlichen zwei andere Werte: 2003/4 gab es 2300 Dauerkarteninhaber auf der Lohmühle, heute sind es nur noch rund 600.
Schwerer zu kontrollieren als der Fankreis sind die Ultras, die sich im UKL (Ultra-Kollektiv Lübeck) zusammen geschlossen haben. Sie sind diejenigen, die vor allem für die Stimmung sorgen im Stadion. „Choreografie“ nennen sie ihre oft bunten Shows. Dabei setzen sie auch immer wieder verbotene Pyrotechnik ein. Und sie scheuen keinen Weg, begleiten das Team zahlreich zu allen Auswärtsspielen. Ihr Problem: Mancher aus ihren Reihen schlägt schon mal über die Stränge. Die Polizei ordnet sie darum überwiegend der Kategorie B zu. Etliche von ihnen sind deshalb auch in der Gruppe der 28 Personen zu finden, die derzeit mit einem Stadionverbot (maximal drei Jahre) belegt sind. Was den Ultras fehlt, ist eine klare Distanzierung von den kriminellen Chaoten, die sie in ihren Reihen haben.
Der VfB hat sich gegenüber den eigenen Fans lange zurückgehalten, hat ihnen oft freie Hand gelassen, sie sogar in seine Führungsebene integriert. Er lässt sie als VfB III auf Kreisebene mitkicken, ließ sie ein „Fandorf“ auf dem Lohmühlengelände errichten. Und bemühte sich immer wieder um „Resozialisierung“ von Stadionverbotlern.
Manchem Experten geht das zu weit. Der Sportrechtler Christoph Schickhardt etwa fordert eine „Null-Toleranz-Politik“. „Problem- Fans konnten nur salonfähigwerden, weil sich die Vereine nicht entschlossen von ihnen distanziert haben“, sagt er. „Der endgültige und notwendige Bruch mit gewaltbereiten Fans unterblieb, um das Verhältnis mit den sogenannten Ultras nicht zu riskieren. Das ist für mich unentschuldbarer Populismus.“ Auch der VfB muss sich mit diesen Thesen auseinander setzen. jr
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