Ob man will oder nicht: Im Gespräch mit Sänger/Gitarrist Marcus Wiebusch (43) und Bassist Reimer Bustorff (41) kommt der Punkt, an dem die beiden Kettcar-Songwriter übers Älterwerden sprechen. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass sich die Band erst vor zehn Jahren gründete, in einem Alter, in dem andere ihre Bands wieder auflösen? Daran, dass Kettcar neben all den deutschsprachigen Songwriter-Jungspunden altersweise, aber nie altersmüde klingen? Oder daran, dass die beiden Familienväter auf ihrem neuen Album "Zwischen den Runden" auch über den Tod sinnieren? Sicher ist nur: Die Hamburger Band ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Popszene. Trotz - oder gerade wegen - ihres Do-It-Yourself-Anspruchs schafften Kettcar den Sprung in den Mainstream - über ihr letztes Album "Sylt" (2008) berichteten sogar die "Tagesthemen". Vereinnahmen und vereinfachen lassen sich Kettcar dennoch nicht.
teleschau: "Zwischen den Runden" ist ein ruhiges Album über die Liebe, über Pessimismus und den Tod. Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen?
Marcus Wiebusch: Wir wissen, dass wir ein sehr heterogenes Album ohne gemeinsamen Nenner gemacht haben. Wir wollten das Bild ganz malen. Mit allem, was unser Leben bereichert, ausmacht und inspiriert.
teleschau: Hören wir also ein Abbild Ihrer Erfahrungen der letzten vier Jahre?
Wiebusch: Für mich gilt das nicht. So etwas wird immer nur angenommen. Wir haben jetzt zwei Songs über den Tod aufgenommen, da heißt es gleich: "Oh Gott, was ist denn da passiert, ist jemand gestorben?" Wir sind Künstler, wir müssen sowas nicht erleben! Ich führe jetzt genau dasselbe Leben wie zur Zeit des letzten Albums - außer dass meine Kinder älter geworden sind. Je älter du wirst, desto mehr wirst du damit konfrontiert, dass Tod in deinem Freundeskreis ein Thema ist. Als wir vor zehn Jahren Kettcar gründeten, tauchten im Freundeskreis keine Krebsfälle auf. Bei mir tauchen sie nun aber auf.
teleschau: Und das auch in Ihren Liedern ...
Wiebusch: Ja, in Songs wie "Nach Süden" oder "Zurück aus Ohlsdorf" kommt raus, dass man sich gewahr wird, dass das Leben begrenzt ist. Es sind zwei Songs, die das Leben feiern. Man muss sich immer wieder gewahr machen, dass man seine Zeit nutzt, die einem zur Verfügung gestellt wird.
teleschau: Ausgedacht klingen diese Songs aber weiß Gott nicht.
Wiebusch: Das ist ein Kompliment! Wir erleben nichts von dem, worüber wir schreiben.
Reimer Bustorff: Zum Glück, muss man ja auch sagen! Es ist nicht wichtig, ob der Text so erlebt wurde oder nicht, sondern ob man das Marcus abkauft.
teleschau: Ist das kein Betrug am Hörer?
Wiebusch: Nein, das ist das Problem des Rezipienten. Wir sind durch und durch Künstler! Über all unseren Songs steht: Wir lassen uns doch von der Realität nicht eine gute Geschichte versauen! Dass ich meine Kinder zur Kita bringe, das interessiert dich doch nicht! Was dich interessiert: Der Typ in "Nach Süden", der nach eineinhalb Jahren Krankheit geheilt wird und heimfährt. Vielleicht berührt es dich, vielleicht spricht es zu dir. Aber ich muss mir das ausdenken, anders funktioniert Kunst nicht. Die größten Songwriter die ich kenne, haben sich alles ausgedacht. Leonard Cohen, Morrissey, die haben ihre Songs niemals eins zu eins erlebt.
teleschau: Ihr Albumtitel "Zwischen den Runden" ist einmal mehr von einer Boxer/-Stehaufmännchen-Metaphorik geprägt, die auf Ihrem Debüt "Du und wieviel von Deinen Freunden" in der Zeile mündete: "Aufstehen, atmen, anziehen, hingehen, zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss".
Wiebusch: Das ist immer noch ein wichtiger Aspekt, weil die Alternative deprimierend ist. Wir wollen nicht akzeptieren, dass man sich zynisch mit allem abfindet, egal, ob es um Liebe, Leben oder Gesellschaft geht. Man muss weitermachen, sich fordern und weiter das Beste machen, um ein gutes Leben hinzukriegen.
teleschau: Sie haben selbst Familien und singen in "Kommt ein Mann in die Bar" von "Kindern mit ihren Müttern, die so müde davon sind, die Mäuse für die Schlangen zu füttern". Ganz schön pessimistisch.
Bustorff: Das ist ja wieder nicht mein Leben, sondern eine Beobachtung. Eine Resignation stelle ich aber teilweise selbst fest. Ich sehe mich selbst an Punkten in der Kindererziehung, an denen ich denke: "Wofür alles?" Und: "Hoffentlich wird's besser!" Ich habe wie jeder andere auch Sachen erlebt, die man nicht erleben muss. Und ich würde mich freuen, wenn meine Tochter davon freibleibt. Von Enttäuschungen, die ich durchgemacht habe. Und ich bin noch gut davongekommen. Mir geht es gut.
teleschau: Sind Sie denn heute generell zurückgelehnter oder einverstandener?
Wiebusch: Kein Stück. Unsere politische Meinung äußert sich dort, wo wir spielen, und wird deutlich, wenn Erik und ich diese "Recht auf Stadt"-Sache (ein Zusammenschluss von Hamburger Initiativen, die sich unter anderem für bezahlbaren Wohnraum einsetzen, Anm. d. Red.) unterstützen. Wir zeigen deutlich, wo wir stehen. Das muss sich nicht immer nur in unserer Kunst widerspiegeln. Und das nächste Album aber kann vielleicht wieder politischer werden. Aber das hat nichts damit zu tun, ob wir mehr politische Magazine lesen oder uns mehr im politischen Diskurs bewegen. Das hat nur damit zu tun, was sich für unsere Kunst gut und richtig anfühlt.
teleschau: Apropos Kunst: Was halten Sie von den neuen deutschen Songwritern, die gerade die Charts erobern? Die gab es in Ihren Anfangsjahren nicht ...
Wiebusch: Wir bewegen uns da ja in Wellen. Als wir 2002 starteten, gab es Wir Sind Helden nicht, entsprechend gab es Juli und Silbermond nicht. Dann gab es immer diese Bands, die Motive benutzen, die wir auch benutzen. Wir schreiben auch Liebeslieder, aber wir schreiben anders. Und jetzt gibt's halt diese Welle von jungen Männern, die sehr erfolgreiche Texte machen.
teleschau: "Schmerzensmänner", wie die "Zeit" schrieb.
Wiebusch: Von denen wir uns nicht abgrenzen wollen, aber trotzdem was anderes machen. Ich finde das herausfordernd.
teleschau: Aber einem Max Prosa oder einem Tim Bendzko können Sie bei allen Unterschieden etwas abgewinnen?
Wiebusch: Wir äußern uns nicht zu anderen Künstlern. (Bustorff lacht)
teleschau: Fühlen Sie sich nach all den Jahren wie die graue Eminenz dieser oder einer deutschsprachigen Musik?
Bustorff: Ich überhaupt nicht. Die Fragen nach dem Alter, und ob wir deshalb ruhiger werden, kommen immer wieder auf uns zu. Ich finde das alles nicht zutreffend. Graue Eminenz? Das klingt furchtbar! Aber ich weiß, was damit gemeint sein soll.
teleschau: Gibt es denn jemanden, den Sie in der Position sehen würden?
Bustorff: Nun ja, so ein Gefühl habe ich persönlich gegenüber Element Of Crime. Die stehen für sich, da kommt textlich wahrscheinlich keiner ran. Ich sehe mich da aber nicht. Uns ist bewusst, dass wir Bands beeinflusst haben, gerade deutschsprachige. Ich distanziere mich aber auch davon. Ich glaube, dass es einen Tim Bendzko auch ohne Kettcar geben würde.
teleschau: Sie haben mit Kettcar angefangen in einem Alter, in dem andere aufhören. Ist die Band mittlerweile eine Selbstverständlichkeit? Können Sie mit Kettcar jetzt alt werden?
Wiebusch: Es war nicht zu erwarten, dass alle uneingeschränkt gut finden, dass wir so ruhige Songs machen. Wir hoffen, dass wir weiterhin sehr riskante Alben machen. Dass wir das können - das klingt vielleicht eitel - hat damit zu tun, dass wir ein eingespieltes Team sind und Talent haben. Diese Fähigkeit wurde in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt. Wir sind nicht die Typen, die das erste Album noch mal und noch mal machen. Wir können uns auffächern, den Rahmen enger setzen und das Bild ganz malen. Eine Fähigkeit, die ich nach zehn Jahren Kettcar mit einem beruhigenden Gefühl festhalten kann. Das macht mich froh.
Kettcar auf Deutschland-Tournee:
23.02., Saarbrücken, Garage
24.02., Essen, Grugahalle
25.02., Neu Isenburg, Hugenottenhalle
26.02., Stuttgart, Longhorn
28.02., Bremen, Schlachthof
29.02., Kiel, Max
01.03., Dresden, Schlachthof
02.03., Leipzig, Haus Auensee
03.03., München, Kesselhaus
04.03., Köln, E-Werk
06.03., Hamburg, Große Freiheit 36
07.03., Hamburg, Große Freiheit 36
08.03., Hannover, Capitol
09.03., Magdeburg, AMO
10.03., Bielefeld, Ringlokschuppen
11.03., Berlin, Columbiahalle
12.03., Hamburg, Kampnagel
21.04., Wolfsburg, Hallenbad
22.-24.06., Scheeßel, Hurricane
22.-24.06., Neuhausen ob Eck, Southside
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