Vielleicht ist Lana Del Reys Geschichte ja ein Märchen. Vom (nicht ganz so) hässlichen, erfolglosen Songwriter-Entlein Lizzy Grant, das als Lana Del Rey mit Glamour-Look und aufgespritzten Lippen zum schönen Pop-Schwan wird. Der unerwartet mit einem sehnsüchtigen Popsong namens "Video Games" - Kitsch-Streicher und träumerische Harfenmärchensounds inklusive - den ungewöhnlichsten Pophit des vergangenen Jahres landet. Vielleicht ist ihre Geschichte aber auch einfach erstunken, erlogen, gemacht? Ihr Debütalbum "Born To Die" gibt darüber keinen Aufschluss. Muss es aber auch nicht.
Seit dem märchenhaften Erfolg von "Video Games" rätselt die Popwelt: Ist sie tatsächlich die selbsternannte "Gangster-Nancy-Sinatra" und ihre Musik ein hintergründiger Abgesang auf den "American Way Of Life"? Oder doch eine von einem Major-Label gemachte Projektionsfläche, eine schüchterne Songwriterin, die für ihre Karriere alles tut? Was ist wahr? Was nicht? Diese Frage stellt sich Lana Del Rey nicht.
In "National Anthem" taucht die Textzeile "blurring the lines between real and the fake" auf. Dieses Spiel mit Realitäten, mit Rollen zieht sich durch ihr Debüt. Del Rey kann Konsum kritisieren und glorifizieren, Liebe heucheln und herbeisehnen, spielt das unschuldige Pop-Schneewittchen und die böse Blues-Königin - oft im gleichen Song. Sie schwelgt in nostalgischen Bildern von Coney Island und James Dean, zitiert aus "Blue Suede Shoes" genauso wie aus "Heaven Is A Place On Earth" von 80er-Jahre-One-Hit-Wonder Belinda Carlisle.
Musikalisch traumwandelt Del Rey zwischen omnipräsenten Streichern, die an verblichene Hollywood-Streifen erinnern, und zeitgemäßen, HipHop-affinen Beats, Sprachfetzen und Samples. Den größten Ausdruck dieser Unbestimmtheit findet sie durch ihre wandlungsfähige Stimme: Del Rey raunt warm und dunkel, singt görenhaft, rappt etwas holprig und croont wie eine Diva. Aus diesen Versatzstücken und scheinbaren Widersprüchen entstehen aber im besten Fall wunderbar melodramatische Songs ("Born To Die", "Million Dollar Man"), im schlechtesten Fall etwas zusammengeschusterter Pop ("Off The Races").
Falsche Lippen und erfundener Name, falsche Breitwand-Konservenstreicher und fehlgeleitete HipHop-Beats, gekrönt von einer vielstimmigen Zunge - zusammengehalten wird das Album eigentlich nur durch ein Gefühl: die vage Ahnung, dass etwas verloren gegangen ist. Dass hier niemand glücklich bis ans Lebensende wird. Ende offen. Und auch viele andere Fragen lässt ihr Debüt unbeantwortet. Ungewöhnlich genug für ein Popalbum. Und nicht zuletzt deswegen ist "Born To Die" ein wahrhaftes und ziemlich großartiges Lügenmärchen.
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