Ein "Tramp" ist ein Heimatloser, ein Reisender. Getrieben von sozialer Kälte sucht er jeden Tag aufs Neue Trost und Obdach. So verlockend es sein kann, ständig in die Ungewissheit zu blicken, so trist und zermürbend wird es die Kontrolle über den Alltag abzugeben, dem Leben hinterherzulaufen. Das Einzige, was es da hin und wieder noch zu erheben gilt, ist die Stimme: Im Falle von Songwriterin Sharon van Etten klingt die stets friedfertig und klar - aber auch resignierend.
Die Songschreiberin aus Brooklyn setzt sich auf ihrem Album "Tramp" mit ihrer seelischen Heimatlosigkeit auseinander - ein schwermütiges bis elegisches Unterfangen. Aber die Idee dazu kommt nicht von ungefähr: Bei den Aufnahmen zu ihrer dritten Platte verbrachte van Etten selbst mehr Zeit in Flugzeugen und Flughäfen als effektiv im Studio. Grund dafür: der Zeitplan von Produzent Aaron Dessner, Mitglied von The National. Die Sessions in Dessners Studio wurden immer wieder durch Tour-Verpflichtungen der beiden verzögert. Ein schwieriger Zustand, der sich auf "Tramp" durchaus widerspiegelt. Im Guten wie im Schlechten.
Auf Tracks wie dem sinistren "Give Out", dem melodischen "Leonard" oder dem Ukulelen-Duett "We Are Fine" (zusammen mit Zach Condon, besser bekannt als Beirut) funktioniert die Selbstfindung ausgezeichnet. Doch mit den nicht minder entschleunigten Zugaben, wie der Trennungsballade "Kevin's" oder dem konditionierten "In Line" driftet die Schwermut ins Unendliche. Endlich, denkt man, als sich mit der Single "Serpents", "All I Can" und "Ask" doch noch so etwas wie schnellere, rockigere Nummern auf "Tramp" finden. Doch auch ihnen fehlt der zwingende Moment. Einzig, das mäandernde "Magic Chords", der wohl beste Song auf "Tramp", zeigt die Folk-Mystikerin van Etten, wie man sie seit ihrem Duett "Love More" (mit Bon Iver) lieben lernte: magisch und sinnlich zugleich.
"Tramp" ist eine Reise ohne Ziel - und leider verliert sich Sharon van Etten zu oft im dunklen Folk-Dickicht. Die Momente des Ankommens sind selten, aber wenn, dann um so schöner. Auch das ist das Schicksal eines Tramps.
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