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„Der Norden soll ein Sehnsuchtsort sein“
„Der Norden soll ein Sehnsuchtsort sein“
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13:10 21.06.2018
Dr. Bettina Bunge (50) leitet die Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TA.SH) seit 1. November 2017. Die in Lüneburg geborene Diplom-Kauffrau und promovierte Expertin im Bereich Dienstleistungsqualität war zuvor acht Jahre lang Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH. Die frühere TA.SH-Chefin Andrea Gastager hatte die TA.SH im Jahr 2016 verlassen. Quelle: Foto: Ta.sh
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Die Sommersaison steht bevor – Ihre erste als neue TASH- Chefin. Wird es eine gute Saison für Schleswig-Holstein?

Der Tourismus bei uns entwickelt sich seit Jahren sehr positiv, auch im ersten Quartal 2018 konnten wir mit 4,12 Millionen Übernachtungen ein gutes Ergebnis verzeichnen. Dabei profitieren wir auch vom Inlandsreisetrend. Schleswig-Holstein steht nach Bayern und Mecklenburg- Vorpommern an dritter Stelle der beliebtesten innerdeutschen Urlaubsreiseziele. Zum jetzigen Zeitpunkt erwarten wir auch ein gutes Sommergeschäft bei hoffentlich bestem Wetter, die Buchungslage ist vielversprechend, aber es gibt noch freie Zimmer auch in der Hochsaison. Da unsere Gäste zunehmend kurzfristiger, spontaner buchen, müssen wir weiter gemeinsam Werbung machen. Mit überregional bekannten Events wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival, den Karl-May-Spielen und dem Wacken Open Air, aber auch weniger bekannten Veranstaltungen, wie dem Midsummer Bulli Festival auf Fehmarn, der Jazz Baltica in Timmendorf, dem KulturSommer in Lauenburg, der Wattolümpiade in Brunsbüttel, dem Surf Cup Sylt und vielen weiteren Events gibt es viele Anlässe für eine Reise in den echten Norden.

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Wo ist aus Ihrer Sicht das Tourismusangebot in unserem Bundesland besonders stark?

Unsere Küsten sind überregional bekannte Marken und verfügen über eine ganz besondere Anziehungskraft. Von Wassersport über Wattwandern bis hin zum Baden und Faulenzen am Strand ist hier alles möglich. Aber auch unser grünes Binnenland bietet jede Menge Highlights für alle, die gern an der frischen Luft aktiv sind: Wandern, Rad- oder Kanufahren vor traumhafter Kulisse. Dann haben wir das Herzogtum Lauenburg mit idyllischen Seen. Und die Städte laden zu Ausflügen in die Museen, Kirchen und Shoppingmeilen ein. Das Land steht auch für den echten Genuss. Mit frischer, norddeutscher Küche, Torten nach Omas Rezept in einem der vielen Hofcafés und dreizehn Sterne-Restaurants ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf?

Wir haben einige touristische Perlen im Land, die nicht gut angebunden sind oder immer wieder mit Verkehrsproblemen zu kämpfen haben. Das gilt insbesondere im Hinblick auf den Bahnverkehr. Dabei denke ich nicht nur an die Verbindung nach Sylt, sondern an die kleineren Orte überall im Land. Als nachhaltiges Reiseziel müssen wir die Anreise immer berücksichtigen. Ich sehe an diversen Tourismusorten noch Optimierungspotenzial bei der Erreichbarkeit, der Bahnhofsqualität, der Ausschilderung und intermodalen Nutzungsmöglichkeiten von Bahn, Bus, Fahrrad und gegebenenfalls dem Auto.

Nachholbedarf sehe ich auch im Bereich des Tagungs- und Kongresstourismus: Hier müssen wir überregional sichtbarer werden. Schleswig-Holstein ist wie geschaffen für geschäftliche Reisen.

 

Urlaub in Deutschland wird stetig populärer. Ist die touristische Infrastruktur dem Besucherandrang gewachsen?

Wir sind Profis darin, Gäste zu empfangen und ihnen ihr persönliches Urlaubsglück zu bereiten. Vielleicht wird in der Hauptsaison die Schlange vor dem Fischbrötchenstand mal etwas länger, doch wer freundlich bedient wird und in eine frische Makrele beißt, der verbringt hier eine gute Zeit. Eine große Herausforderung ist der steigende An- und Abreiseverkehr. Die Menschen machen mehr Kurzurlaube, zugleich nimmt die Dauer längerer Urlaubsreisen ab – und das vor dem Hintergrund steigender Übernachtungszahlen. Da geraten die Straßen schon mal an ihre Kapazitätsgrenzen, hier gilt es, dringend Lösungen zu finden. Wir brauchen generell eine bessere Anbindung der Orte im Land. Dadurch würden sich unsere Gäste stärker über die Fläche verteilen.

Bereiten Ihnen die Engpässe auf den Straßen Sorgen? Was fordern Sie von der Politik?

Ich sehe das optimistisch. Es ist gut und wichtig, dass in die Verkehrsinfrastruktur investiert wird. Wo heute gebaut wird, haben wir morgen – oder übermorgen – bessere Straßen. Das hätten wir natürlich gern hinter uns, aber da müssen wir jetzt durch. Als Touristikerin wünsche ich mir, dass dabei Rücksicht auf den Ferienverkehr genommen wird. Als Schleswig-Holsteinerin weiß ich aber auch, dass anderenfalls die Berufspendler in arge Nöte kommen. Wichtig ist es, die Stimmen aller von Baumaßnahmen Betroffenen einzuholen, um zum bestmöglichen Ergebnis zu gelangen.

 

Engpässe gibt es auch beim Fachpersonal in Hotels und Gastronomie. Wie groß schätzen Sie dieses Problem ein? Und was könnte helfen?

Der Fachkräftemangel verschont auch die Tourismuswirtschaft nicht. Laut einer aktuellen IHK- Umfrage ist der Fachkräftemangel für drei von vier touristischen Unternehmen in Schleswig-Holstein ein Geschäftsrisiko. Die oft ungewöhnlichen Arbeitszeiten und die schwankende Auslastung im Jahresverlauf verschärfen das Problem. Wie können wir mehr Menschen für die Arbeit im Tourismus begeistern?

Eine Rolle spielt sicherlich der bezahlbare Wohnraum. In der Nähe der Arbeitsstelle zu vernünftigen Preisen wohnen zu können, ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für Fachkräfte. Ein weiterer Aspekt ist die stärkere Ganzjahresauslastung Schleswig- Holsteins als Urlaubsziel, für die wir werben. Eine gleichmäßigere Verteilung der Arbeitslast und eine bessere Planbarkeit macht die Arbeit im Tourismus attraktiver.

Welche Touristengruppen möchten Sie stärker ansprechen? Wo schlummern die größten Potenziale? In Gästen aus dem Ausland?

Bislang entfallen nur sieben Prozent der Übernachtungen auf Gäste aus dem Ausland. Hier gibt es noch Potenzial. Und da ausländische Gäste häufig mehr Geld pro Reise ausgeben, lohnt sich das Engagement. Neben Dänemark, Österreich und der Schweiz möchten wir uns mittelfristig – Abhängigkeit von zur Verfügung stehenden Budgets – auch in Schweden, Norwegen, den Niederlanden und eventuell Polen engagieren. Einen weiteren Schwerpunkt setzen wir beim Tagungs- und Kongressgeschäft. Der Anteil an Geschäftsreisenden liegt bislang bei etwa zehn bis fünfzehn Prozent. Gerade dieser Bereich eignet sich sehr gut zur Stärkung der Nebensaison, da viele geschäftlichen Events am Jahresende oder –anfang stattfinden. Die Positionierung des echten Nordens als Ganzjahresdestination bietet großes Potenzial. Derzeit reisen die meisten Gäste im Sommer nach Schleswig-Holstein. 19 der jährlich 30 Millionen gewerblichen Übernachtungen finden von Mai bis September statt. Hier können wir uns deutlich steigern. Wir setzen darauf, mit dem echten, manchmal auch rauen Wetter zu punkten.

An der ganzen Ostseeküste sind neue Hotels und Gaststätten entstanden. Welchen Effekt erwarten Sie davon?

An der schleswig-holsteinischen Ostseeküste tut sich derzeit eine ganze Menge. Die vielen neuen Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen verleihen den Orten ein moderneres, frisches Antlitz.

Damit öffnen diese sich für zusätzliche Gäste und vor allem auch für neue Zielgruppen. Ich denke da etwa an das ungezwungene „Arborea Mariana Resort“ in Neustadt, das komfortable „a-ja Resort“ in Travemünde oder das hippe „Motel One“ in der Lübecker Altstadt. Wir freuen uns, dass nach den öffentlichen Investitionen, etwa in Promenaden, nun vielerorts auch private Investoren nachziehen. Von dieser Aufbruchsstimmung profitiert der gesamte Norden, denn sie hat eine Signalwirkung nach außen wie nach innen.

 

Können Sie in kurzen Stichpunkten die Schwerpunkte Ihrer Strategie skizzieren?

Konzeptionelle Grundlage für das Marketing ist die Tourismusstrategie 2025. Konkret beinhaltet unsere TA.SH-Strategie anlassorientiertes Themenmarketing auf Basis der Stärken der Marke „Schleswig-Holstein – Der echte Norden“. Externe Aufgaben: Bewerbung Schleswig-Holsteins als Ganzjahresdestination, Bekanntmachung als attraktiver Standort für Tagungen, Kongresse und Events, Erschließen neuer Quellmärkte im Ausland. Interne Aufgaben: Bessere Vernetzung der Marketingaktivitäten im Land, Etablierung der TA.SH als Netzwerkknoten und Impulsgeberin für das touristische Marketing im echten Norden.

Die Bäderregelung ist um zehn Jahre verlängert worden . . .

Darüber freuen wir uns, das schafft Planbarkeit, auf die der Einzelhandel angewiesen sind. Im deutschlandweiten Vergleich ist die Sonntagsöffnung in Schleswig-Holstein zudem relativ liberal geregelt, insofern sind wir zufrieden.

Die TASH muss mit weniger Personal auskommen. Sind Sie damit im Vergleich zu Nachbarländern zu schlecht aufgestellt?

Wir haben ein großartiges Bundesland zu vermarkten, und so gäbe es hier sicherlich auch für weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genügend Aufgaben. Die guten Übernachtungszahlen sind zudem nichts, auf dem wir uns ausruhen dürfen. Jetzt in die Nachbarländer zu schauen, wie viele Menschen in den Landesmarketingorganisationen arbeiten, bringt uns aber nicht weiter. Ich freue mich sehr, dass wir im Frühjahr drei neue Mitarbeiterinnen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marktforschung und Themenmanagement bei uns begrüßen durften und unser Team im Sommer im digitalen Marketing verstärken werden. Zudem nehme ich im gesamten Team der TA.SH ein hohes persönliches Engagement wahr. Das sind sehr gute Voraussetzungen für erfolgreiches Marketing für den echten Norden.

 

Wie möchten Sie mit dem Urlaubsland wahrgenommen werden, wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?

Ich wünsche mir, dass Schleswig- Holstein als Sehnsuchtsort wahrgenommen wird, in dem jeder Gast sein persönliches Urlaubsglück findet. Der echte Norden soll bei seinen Gästen und potenziellen Gästen noch stärker als heute für Leichtigkeit und Unkompliziertheit des Urlaubs stehen und für Qualität und Professionalität in allen touristischen Belangen. In fünf Jahren haben wir eine Markenstrategie erarbeitet und daran orientiert einen landesweit abgestimmten Marketingplan für ganz Schleswig-Holstein. Wir haben Verwaltungs- und Organisationsabläufe vereinfacht, sodass uns mehr Zeit bleibt für die inhaltliche, die kreative Marketingarbeit.

Christian Risch