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Die Wirtschaft So bedeutend ist die Logistikbranche für den Standort Lübeck und die Region
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10:00 22.03.2019
Nächtlicher Umschlag im Lübecker Hafen: Durch die Globalisierung hat die Region weiter an Bedeutung gewonnen. Quelle: Lübecker Hafen-Gesellschaft mbH

Zellstoff aus Schweden, Medizintechnik für die USA, Autos für Russland und Stahlcoils für Finnland - entlang der Trave rückt die Welt in den Hafenterminals des Skandinavienkais, der Lehmannkais 1-3, des Seelandkais und in den stadtnahen Terminals Konstinkai und Vorwerker Hafen zusammen. Rund um die Uhr kommen hier Lkws, Güterzüge und Schiffe an, löschen ihre Fracht, laden neue und verlassen das Areal wieder.

„Diese Umschlagstellen in Lübeck haben im Zuge der Globalisierung weiter an Bedeutung gewonnen“, sagt Rüdiger Schacht, stellvertretender Hauptgeschäftsführer IHK zu Lübeck und Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik. „Die Hafenterminals sind ein bedeutender Teil der internationalen Wertschöpfungskette, von denen auch die hiesige Wirtschaft profitiert“ - wenn nicht gar der bedeutendste.

Trimodale Plattform für die Region

Lübeck stellt den größten Fährhafen Europas und den drittgrößte Universalhafen Deutschlands. Entsprechend gut ausgebaut sind die Infrastrukturen, und die im Umfeld entstandenen Industrie- und Gewerbebetriebe sind das Aushängeschild des Wirtschaftsstandortes Lübeck. Die Lübecker Hafenterminals verzeichnen zusammen mit den mehr als 30 Anlagen für den maritimen Güterumschlag in Schleswig-Holstein dank des effizienten Zusammenspiels von Schiene, Straße und Wasser unter dem Strich einen Umschlag von mehr als 50 Millionen Tonnen jährlich.

„Die Lübecker Hafenterminals sind auf kurzem Wege an das Autobahnnetz angebunden und verfügen jeweils über einen direkten Gleisanschluss sowie über den Elbe-Lübeck-Kanal über einen Anschluss an das Binnenwasserstraßennetz“, erklärt Rüdiger Schacht. „Die damit gegebene Trimodalität ermöglicht es den Unternehmen, ihre Warenströme mit den jeweils am besten geeigneten Verkehrsträgern zu disponieren und somit zu optimieren - selbstverständlich immer über Lübeck. Hier herrschen einzigartige Voraussetzungen. Ansässige Unternehmen können sich jeden Tag neu entscheiden, welchen Verkehrsträger sie nutzen wollen.“

Bereits im Mittelalter hatte der Lübecker Hafen eine Schlüsselrolle im Handel zwischen Westeuropa und den skandinavischen Ländern sowie der übrigen Ostseeregion inne. Nahezu alle Güter, die per Schiff über die Ostsee von West nach Ost und in umgekehrte Richtung gingen, mussten in Lübeck entladen und wieder beladen werden. Auch heute spielt die hiesige Logistikwirtschaft eine wichtige Rolle im Verkehrsnetz zwischen den Wirtschaftsmetropolen West- und Zentraleuropas und dem Wirtschaftsraum Ostsee: Mehr als 3800 Unternehmen mit insgesamt 50000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern erwirtschaften zusammen nach Angaben von Statistik Nord in Schleswig-Holstein einen Jahresumsatz von über 7,8 Milliarden Euro. Entsprechend positiv beurteilt Rüdiger Schacht die Gesamtsituation der Logistikbranche in der Region: „Dazu trägt einerseits die gute Konjunkturlage bei, aber sicher auch die Ladung über die Häfen Hamburg und Lübeck sowie die gute Auslastung im kombinierten Verkehr.“

Hinzu kommt laut Rüdiger Schacht, dass die geographische Lage im Südwesten der Ostsee bereits seit dem Mittelalter hervorragende Voraussetzungen für die Konsolidierung von Waren im Austausch zwischen Skandinavien und Kontinentaleuropa bildet. „Diesen Standortvorteil gilt es im Wandel der Warenströme weiter zu stärken“, so Schacht: „In diesem Zusammenhang sind langfristige Planungen und Investitionen in Infrastruktur unabdingbar.“

Ähnlich sieht das Philipp Geißler, Vorsitzender des Vorstandes Vereinigung Lübecker Schiffsmakler und Schiffsagenten e.V.: „Lübeck steht im Vergleich zum direkten Wettbewerb zur Region Kiel oder Mecklenburg-Vorpommern aktuell wieder besser da, aber auch hier ist der nächste Schritt hin zu zukunftsorientierten Bedingungen zu planen und letztendlich auch auszuführen.“

Optimale Hinterlandanbindungen

Außerdem bildet Lübeck mit seinem Umland eine hervorragende Plattform für Logistikunternehmen der unterschiedlichsten Schwerpunktbereiche. Das Hauptargument für den Logistikstandort Lübeck liegt für Jörg Ullrich, Vorsitzender logRegio e.V. deshalb ganz klar auf der trimodalen Verkehrsinfrastruktur: „Über die Fähr- beziehungsweise RoRo-Anleger, das Kombiverkehrsterminal Baltic Rail Gate für den Umschlag Straße- Schiene sowie die Verbindung der Terminals und Gewerbegebiete an die A 226 und die A 1 und die A 20 als auch dem Zugang zum Elbe-Lübeck-Kanal sind sowohl für den Hafen als auch für die landseitigen Transporte schnelle und leistungsfähige Anbindungen vorhanden.“

Als Europas südwestlichster Ostseehafen und die direkte Nähe zu Hamburg verfüge Lübeck zudem über eine optimale Lage für Transporte zwischen Ostseeraum und Zentraleuropa. Allerdings würden diese Vorteile durch den nicht angepassten Aus- und Weiterbau der regionalen Hinterlandanbindungen und der Verkehrsinfrastruktur gefährdet, so Marco Lütz, Vorstandsmitglied im Verein Lübecker Spediteure e.V.. Entsprechend kritisch blickt Lütz in die Zukunft: „Die Herausforderungen der Logistikbranche bestehen heute in nach wie vor steigendem Transportaufkommen bei gleichzeitig immer knapper werdenden Ressourcen. Hierbei werden immer größere Erwartungen an die Flexibilität gestellt. Dabei gilt es, dass der breiten Öffentlichkeit die Sinnhaftigkeit und Wertschöpfung logistischer Leistungen für den Erhalt der Grundversorgung und wirtschaftlichen Weiterentwicklung noch stärker vermittelt wird. Dies sollte beispielsweise durch informative Öffentlichkeitsarbeit und durch Weiterentwicklung alternativer Systeme gefördert werden.“

Doch allen Herausforderungen zum Trotz: In jüngsten Studien des Fraunhofer-Instituts wurde dem Logistikstandort Lübeck eine hohe Standortattraktivität für die Import- und Exportlogistik bescheinigt. Auch der Produktions- und Handelslogistik kommt aufgrund des vergleichsweise hohen Anteils des produzierenden Gewerbes in der Hansestadt Lübeck und der Region ein hoher Stellenwert zu.

Flächenverfügbarkeit als Basis

Exemplarisch für diese Entwicklung sind das neue Hochregallager zur Produktionsversorgung bei der Drägerwerk AG in Lübeck oder das über 30000 Quadratmeter große Zentrallager von Deutschlands größtem Lebensmittel-Discounter Lidl in Siek an der Autobahn 1. Eine Entwicklung, die nicht selbstverständlich ist, denn die Flächenverfügbarkeit hinkt hinter dem tatsächlichen Bedarf hinterher. Das weiß auch Christoph Bergob-Jachens, Vorstandsmitglied logRegio e.V. und Projektleiter Unternehmensansiedlung bei der Wirtschaftsförderung Lübeck GmbH: „Unter Federführung der IHK zu Lübeck wird derzeit der gemeinsame Gewerbeflächenleitfaden der Kreise Stormarn, Herzogtum Lauenburg, Segeberg, Ostholstein und der Hansestadt Lübeck fortgeschrieben und der Gewerbeflächenbedarf bis zum Jahr 2030 prognostiziert.“ Im Zuge der Neuaufstellung des Lübecker Flächennutzungsplans und der Fortschreibung des Hafenentwicklungsplans werden entsprechende Hafen- und Gewerbeflächen neu ausgewiesen, so Bergob-Jachens.

Herausforderung Fachkräftemangel

Immer schärfer in den Fokus der Unternehmen rücken laut Rüdiger Schacht von der IHK zu Lübeck die Themen Demographie und Fachkräftemangel: „Der Fachkräftemangel, der demographische Wandel und der fehlende Nachwuchs führen zu einem spürbaren Fahrermangel, der sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch deutlich verschärfen wird.“ Hier müsse zum einen der Arbeitsplatz Lkw wieder mehr Anerkennung erlangen und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. „Fernfahrerromantik war gestern! Heute will jeder Fahrer nach Feierabend gerne Zuhause bei seiner Familie sein. Dieser Anspruch wird die Struktur der Transportketten verändern“, prognostiziert Schacht.

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt, dass diese Entwicklung bereits begonnen hat. So stieg zwar die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bereich Verkehr und Lagerei in Schleswig-Holstein um 11,3 Prozent von 44104 im Jahr 2008 auf 49102 im Jahr 2017. Auf Kreisebene hingegen fallen die Entwicklungen zwischen 2008 und 2017 dagegen sehr unterschiedlich aus: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit verzeichnen einzig die Kreise Stormarn (+49,2 Prozent), Pinneberg (+35,4 Prozent) und Steinburg (+33,3 Prozent) im Vergleich zu Ostholstein (-15,3 Prozent) und Flensburg (-24,8 Prozent) die höchste Zunahme an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bereich Verkehr und Lagerei.

Die Logistikbranche am Standort Lübeck setzt sich im Wesentlichen zusammen aus Speditions-, Lagerei- und Umschlagsbetrieben sowie Transport- und Dienstleistungsunternehmen. Die günstige geographische Lage macht Lübeck zu einem attraktiven Standort für Logistikunternehmen. Seit 2007 liegt das Beschäftigungswachstum jahresdurchschnittlich mit -0,3 Prozent zwar im negativen Bereich. Dennoch lohnt ein näherer Blick auf die Logistikbranche, die 6500 Menschen Arbeit bietet. Immerhin gibt es aktuell 229 Betriebe in diesem Wirtschaftszweig, acht mehr als im Jahr 2007.

In diesem Zusammenhang ebenfalls interessant ist der sogenannte Lokalisationsquotient (LQ), den die Wirtschaftsförderung Lübeck GmbH in ihrem Branchenreport 2018 für die Logistikwirtschaft am Standort Lübeck ermittelt hat. Dieser gibt an, ob der Beschäftigtenanteil einer Branche an der Gesamtwirtschaft in einer Region im Vergleich zu Deutschland größer (LQ >1) oder kleiner ist (LQ Der Lokalisationsquotient für den Beschäftigtenanteil in der Logistik stellt damit ein Spezialisierungsmaß dar, der in Lübeck (LQ 1,34) und Stormarn (LQ 1,13) überdurchschnittlich hoch ist. Damit liegt der Beschäftigungsanteil in der Logistikwirtschaft in Lübeck 34 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Aufgrund der hohen Konzentration an Arbeitskräften weit über den Bundesdurchschnitt hinaus, besitzt die Logistikbranche das Potential, Dienstleistungen deutschlandweit und international zu exportieren und so zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Das setzt voraus, dass Beschäftigung und Einkommen direkt korrelieren. Etwa ein Viertel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Lübecker Logistikwirtschaft sind hier tätig, da die Firmen am Standort ihre Leistungen überregional anbieten.

Digitalisierung als Fluch und Segen

Was die Branche in der Region außerdem dominiert, ist die Digitalisierung logistischer Leistungsbereiche und Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung bedeutet für Logistiker in Industrie, Handel und Dienstleistung eine große Herausforderung. Hohe Investitionen sowie neue Denk- und Arbeitsweisen sind nötig - mit Auswirkungen auf Personal, Qualifikation und Organisation. Das weiß auch Marco Lütz, Vorstandsmitglied Verein Lübecker Spediteure e.V.: „Die Digitalisierung muss sich noch deutlicher und schneller im zunehmenden Datenaustausch zwischen Logistik, Kunden, Subunternehmern und weiteren Beteiligten in der Transportkette ausdrücken.“ Deshalb plädiert Lütz für die Festlegung von allgemeinverbindlichen Standards sowie eine stärkere Zusammenarbeit in der Branche. „Mitarbeiter müssen bei anstehenden Veränderungen mitgenommen werden.“

Carsten Schmidt