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Bad Schwartau Brettspiele gegen Fremdenfeindlichkeit: Ein Abend unter Freunden
Lokales Bad Schwartau Brettspiele gegen Fremdenfeindlichkeit: Ein Abend unter Freunden
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16:04 17.03.2015
An langen Tischen kommen sich die 80 Besucher im Gemeindehaus näher. Bei „Mensch ärgere dich nicht“ und Memory lernen sich alle spielerisch kennen. Quelle: Fotos: Ilka Mertz
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Stockelsdorf

Natürlich waren die Besucherzahlen von Mal zu Mal angestiegen, doch mit diesem Zuspruch hatten die Organisatoren des Begegnungsabends dann doch nicht gerechnet. Immer mehr Menschen strömen in das Gemeindehaus an der Ahrensböker Straße 5. Die aufgebaute Tafel reicht schon lange nicht mehr aus, eilig werden aus benachbarten Räumen weitere Stühle und Tische herbeigeschleppt. Schließlich sind es mehr als 80 Männer, Frauen und Kinder, die an diesem Freitagabend zusammensitzen, um gemeinsam zu spielen und sich kennenzulernen.

Zum dritten Mal hatten die Kirchengemeinde Stockelsdorf und der Arbeitskreis Willkommenskultur zu einem solchen Abend der Begegnung eingeladen. Das Ziel: Stockelsdorfer und Migranten sollen sich näherkommen. Acht Ehrenamtler bereiten die Veranstaltung vor, überlegen sich ein Thema, verschicken Einladungen. Das Thema diesmal: Spiele. Dazu gibt es Saft und Tee, knackige Häppchen und schokoladige Kleinigkeiten. Und mehr braucht es eigentlich gar nicht; der Abend ist ein Selbstläufer. Noch bevor Pastorin Almuth Jürgensen und Asylbegleiterin Beatrice Walker die Veranstaltung eröffnet haben, werden die ersten Kartons ausgepackt. Für Memory, Schach und Domino braucht es keine gemeinsame Sprache. Zwischen klackernden Würfeln und klickernden Murmeln versucht Almuth Jürgensen es trotzdem: „Ich freue mich, über Ihr Interesse aneinander“, begrüßt sie die Gäste. „Wir wollen aufeinander achten und wissen, wer nun zu uns gehört“, erklärt sie den Gedanken hinter den Begegnungsabenden.

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Um einen Tisch drängt sich ein deutsch-eritreische Gruppe, wo vier Stühle Platz finden, können auch acht Leute sitzen. Und wo steht, dass man „Mensch ärgere dich nicht“ nur zu viert spielen kann. Die Stimmung ist gut, das Gelächter laut. Pastorin Jürgensen steht daneben und freut sich über das Sprach- und Hautfarbengemisch.

Einige Tische weiter sitzt Joachim Rutzen neben Hayatollah Mehtar. Der 29-jährige Afghane und der Witwer aus Stockelsdorf würfeln miteinander, gegeneinander — so genau ist das nicht zu erkennen.

Sichtbar ist: Sie haben Spaß. „Als Kind musste ich im Krieg aus Pommern flüchten und kam so nach Lübeck. Da war ich für die Einheimischen auch Flüchtling, kein Deutscher“, erzählt Joachim Rutzen, „Ich weiß also, wie es ist.“ Daher wolle er sich engagieren, um denen, die heute kommen, die Integration zu erleichtern. Hayatollah Mehtar und seine Frau Favzam Mohseni (22) sind vor fünf Monaten nach Deutschland gekommen. Sie erwarten ihr erstes Kind. Sie geben sich alle Mühe, Gesprächen auf Deutsch zu folgen und auf Deutsch zu antworten. „Komm, hilf mir“, fordert der junge Mann seine Frau auf, als ihm die Wörter fehlen. Beide besuchen einen Sprachkurs, geben sich alle Mühe, im neuen Land anzukommen. Am Nachbartisch spielen irakische Kinder ein Spiel, das „Grips“ heißt. Die Regeln kennen sie nicht, das hindert sie aber nicht daran, bunte Nüpsel engagiert in dafür vorgesehene Löcher zu stecken.

Auf dem Flur prasselt es plötzlich. Liliana aus Rumänien und die Stockelsdorferin Karin Togler haben ein Mikado-Spiel fallen lassen. Hier ist mehr Platz. Vorsichtig greifen sie nach den langen Holzstäben, nur mühsam kann Liliana ihren 13 Monate alten Sohn Mathias davon abhalten sich einzumischen. Seit gut einem Jahr lebt die 34-Jährige, die in Moldawien geboren wurde, in Norddeutschland, Mathias kam in Lübeck zur Welt. „Ich möchte perfekt lesen lernen“, betont sie. Karin Togler freut sich über so viel Einsatz — auch der Stockelsdorfer: „Es ist erstaunlich, wie viele sich auf den Weg hierher gemacht haben.“ So etwas habe sie hier noch nicht erlebt, sagt sie — gleichermaßen überrascht und angetan.

Geht es nach den Organisatoren der Begegnungen wird sie diesen Zuspruch noch häufiger erleben, denn natürlich sind weitere Abende geplant. Nächster Termin ist am Freitag, 20. März. Auch dann sollen ab 19 Uhr im Gemeindehaus Brettspiele gespielt werden.

„Wir wollen wissen, wer nun zu uns gehört.“
Pastorin
Almuth Jürgensen

Ilka Mertz